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April 1841
und durchaus mit fresken aus der päbstlichen geschichte geschmückt, die
aber nichts besonderes sind; Alles was man sieht, sind blos Manuscripte, die
sämmtlich in kästen verschlossen sind, die spätern Bücher, etc. sind in an-
deren einfacheren Sälen; es gibt darunter eine Sammlung Manuscripte auf
Papyrus, dann vielerley Antiquitäten, caméen, medaillen, vasen, kirchen-
geräthe, alte crucifixe und heilige gemälde, etc. Alles das sah ich sowie ein
manuscript des terentius aus dem 4. und eines der eneïde aus dem 5. Jahr-
hundert, ein Buch mit Autographen des tasso und eines des Petrarca, etc.
hierauf ging ich in die Peterskirche und besah mir diese, welche man nie
vollkommen und genug sieht, ganz mit muße, hörte die herrliche orgel von
mosca in der capelle del caro, welche gerade für morgen probirt wurde, seit
der orgel in freiburg hat mir nichts einen solchen eindruck gemacht wie
diese, und besah mir die gemälde, welche, so wie in den übrigen kirchen,
von heute an wieder unbedeckt sind; es sind jedoch hauptsächlich Mosaiques,
welche gemälden mit täuschender Wahrheit nachgeahmt sind, so die trans-
figuration von raffael, der heilige michael von guido reni, die communion
des heiligen hieronimus von dominichino, etc. endlich die grabmäler Pius
vii. von thorwaldsen, der stuarts von canova, clemens Xiii. von canova,
wobey der todesengel die herrlichste männliche gestalt ist, die ich jemals
sah, und zuletzt die uralte Bronzestatue des heiligen Petrus, dessen einer
fuß schon halb weggeküßt ist. Als mein Wagen gekommen war, fuhr ich in
das Atelier des berühmten malers camuccini, wo ich aber außer angefange-
nen gemälden und skizzen seiner Werke nichts Besonderes fand.
nach eingenommenem déjeuner à la fourchette fuhr ich zum mahler rie-
del, um das vom könig von Würtemberg bestellte Bild, die 2 badenden mäd-
chen, zu sehen; es ist sehr getreu und der Contrast des braunen und blonden
Fleisches sehr gut ausgeführt; dann zum berühmten Overbeck im Palazzo
Cenci (weiland Beatrice Cenci); der Mann bezauberte mich ganz, sein einfa-
ches, stilles und dabey doch für kunst und religion enthusiastisches Wesen
erinnerte mich ganz an eine der stillschwärmerischen figuren Walter scotts
und seiner Presbyterianer; wie er mir das Alles, seine Arbeiten und seine
ideen explicirte, kurz, einfach, und doch voll Beredsamkeit, beneidete ich
den mann, weil er das was er ist, ganz ist, mit leib und seele, d.i. mahler
und Katholik; auch mahlt er durchaus nur heilige Bilder, und es weht in sei-
nem Atelier und seinen Bildern ein eigener Geist der Züchtigkeit und Ruhe;
ich sah die Zeichnung seines berühmten Bildes, der triumph der religion
über die künste, in francfurt a.m.,1 dann sein sublimes, vollendetes Bild,
1 friedrich overbecks „der triumph der religion in den künsten“ (nicht über die künste)
für das städelsche institut in frankfurt wurde 1840 fertiggestellt. den Auftrag erhielt er
bereits 1829.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien