Page - 197 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 197 -
Text of the Page - 197 -
19714.
September 1841
[mailand] 9. september
ich gehe nun endlich wieder aus, obwohl nur sehr wenig und mit großen Pre-
cautionen; heute über 8 Tage gehe ich endlich auf’s Land, wohin, das weiß
ich noch nicht; zu einer Reise nach Genf, wie es mein Wunsch gewesen wäre,
finde ich keinen Compagnon, und allein ennuyirt sie mich; kurz wir werden
sehen.
mein Werk ist nun vollendet, und ich suche einen Abschreiber, was aber
eine sehr kitzliche Sache ist wegen des Ausplauderns und der Polizey; am
besten wäre ein dummer teufel dazu geeignet, der nicht wüßte was er
schreibt, wie es in kanzleyen so viele gibt.
mailand wimmelt jetzt von fremden, ich sah dieser tage von Bekannten
litta aus rom, gräfin moritz lichtenstein, orloffs etc., dagegen aber sind
die einheimischen weg, auf reisen, in como, am land, etc. man sagt jetzt,
daß der hof directe von Wien nach venedig gehen und erst im Jänner hieher
kommen soll, wo dann erst die heirath per procura vor sich gehen wird.1
das wäre mir sehr unangenehm, weil ich dann gabrielle vor meiner Wiener
Reise, die ich ums neue Jahr antreten will, nicht sehen würde; und wer weiß,
was sich während derselben für mich entwickelt. gott gebe es, denn dieses
müßige leben ist meinem innersten Wesen zuwider, und lange würde ich es
auf keinen fall darin aushalten.
[mailand] 14. septembera
Es ist nun entschieden, daß ich und zwar Übermorgen von hier abfahre; ich
bin aber noch nicht recht decidirt, wie und wohin; meinen Wagen habe ich
letzthin, ich weiß selbst nicht recht warum, verkauft, und so sitze ich nun.
Wegen des Wohins? werde ich wahrscheinlich für den Anfang nach Arona
gehen, welches ich so unendlich liebe, hundertmal mehr als den comersee,
der mir vorkömmt wie eine kleine Lacke in einem englischen Park; ob ich
dann von dort über den simplon gehe oder nicht, oder überhaupt sonst wo-
hin, wird sich weisen. das Wetter ist herrlich, hier noch beinahe drückend
heiß, und so könnte ich vielleicht trotz der vorgerückten Jahreszeit noch
einige sprünge wagen. mein Buch nehme ich mit und werde es unterwegs
selbst abschreiben; dazu habe ich mich entschlossen, weil es beinahe unmög-
lich wäre, einen verläßlichen und dabey geschickten copisten zu finden, und
bey der confusion und den vielen correcturen des manuscriptes hätte ich
1 die hochzeit von erzherzogin Adelheid mit ihrem cousin und thronfolger von sardinien-
Piemont, vittorio emanuele, fand schließlich am 12.4.1842 statt.
a Die Einträge von 12.–25.9.1841 finden sich sowohl im ungebundenen Tagebuch Ia als auch
(mit Bleistift) im tagebuch ii. die edition folgt dem text von tB ia, die einzige inhaltliche
Abweichung ist die datierung des eintrags vom 14.9., die in tB ii lautet: mailand, 13.
september 1841. Am kopf von tB ii vermerkt: Bought milan 12/9 1841.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien