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November 1841
eine Anbethung, ein kultus. sie schrieb mir neulich von genua, wo sie des
schlechten Wetters wegen einen tag bleiben mußte, einen Brief voll Zärtlich-
keit und freundschaft, ihre gedanken hätten Alle nur eine richtung, nach
mir, und seit sie von mir weg sey, bemerke sie erst, wie unentbehrlich ich ihr
geworden, und trotz dem war mir Alles dieses noch nicht genug, und in die-
sem sinne antwortete ich ihr in einem leidenschaftlichen Briefe, wir wollen
sehen, wie sie mir darauf antwortet. ich lese oder vielmehr verschlinge jetzt
die Briefe der Bettina1 und finde viele Ähnlichkeit darin mit meiner gegen-
wärtigen gemüthsverfassung. und doch war ich schon lange nicht so heiter
und zärtlich, als eben jetzt. die Aussicht auf florenz und auf ein heranna-
hendes dénouement meiner Zustände stimmen mich so.
[mailand] 26. november
ich befinde mich jetzt in einem Zustande comparativer ruhe und unthätig-
keit, welche mir ordentlich wohl tut nach der beständigen, beynahe ängstli-
chen geschäftigkeit, in der ich nun seit 6 monathen lebte, alle meine Würfel
sind ausgeworfen, und ich erwarte nun in augenblicklicher muße den mo-
ment, wo es sich zeigen wird, ob ich einen glücklichen oder einen fehlwurf
gethan. mein Buchhändler tendler & schäfer hier hat an hoffmann und
campe in hamburg wegen der übernahme meiner schrift geschrieben und
zweifelt nicht, daß er sie mit freuden annehmen wird. er, tendler, findet
sie äußerst stark und verletzend, nicht der form, sondern des inhaltes we-
gen, wollte ich aber Wahrheit sagen, so konnte ich dieses nicht umgehen,
desto schlimmer, daß dem so ist. dagegen glaubt er, sie würde in der politi-
schen Welt fureur machen, ob dieß wahr oder nur schmeicheley ist, wird die
nahe Zukunft lehren. Alle maßregeln sind getroffen, um den verfasser un-
kenntlich und unerforschlich zu machen, sollte er dennoch aufgespürt wer-
den, nun so werde ich mich mit freuden in ein schicksal ergeben, welches
nur ehrenhaftes hat, nicht ermangeln kann, mir wenn auch mittelst eines
schmerzhaften überganges mit einem schlage die lange gewünschte exi-
stenz und Bedeutung zu verschaffen, ja ich muß gestehen, daß eben dieser
Betrachtung wegen ich jetzt noch nicht recht weiß, ob ich eine entdeckung
wünsche oder fürchte.
indessen aber arbeite ich meiner zukünftigen reise nach Amerika vor,
welche klarer und lebendiger als je zuvor vor meiner seele steht, ich unter-
nehme sie aus den mannigfaltigsten Beweggründen und mit den verschie-
densten ideen, vor allem betrachte ich sie als ein mittel, mich zu retrempi-
ren und aus dem langweiligen und unfruchtbaren einerley meines jetzigen
1 Bettina v. Arnim, goethes Briefwechsel mit einem kinde. seinem denkmal. 3 Bde. (Berlin
1835).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien