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Tagebücher230
und ging nach hause, wo gräfin lottum schon um mich geschickt hatte,
mich zu sich zu bitten, denn sie hatte allein zuhause gesessen, ich fand sie
allein und saß lange bey ihr, bis Allegri kam, da engagirte sie uns, cigarren
zu rauchen, und rauchte selbst ein Paar pajitos in gesellschaft von Putbus,
der später dazu kam, sie war sehr amusant, neckte Allegri und mich auf
das grausamlichste, und es wurde 1/2 11 uhr, ohne daß ich recht wußte,
wie. da mußten wir fort, toilette zu machen, und nach 11 uhr fuhr ich zu
madam cosvelt, die einen großen und sehr brillanten Ball gab, es waren,
glaube ich, 500 Personen, das Appartement und besonders der tanzsaal
sehr schön, ich sprach Anfangs viel mit gräfin orloff, und dann als clotilde
mit frau v. meyendorf [kam], meistens mit diesen. frau v. meyendorf ist
ganz besonders amusant durch die ungeheure natürlichkeit, womit sie die
sonderbarsten sachen sagt und die leute lächerlich macht, doch ärgerte ich
mich auch ein Bischen über die vielen menschen, die immer um clotilde, die
schön und elegant war wie ein engel, herumstanden, so daß ich kaum dazu
kam, ein vernünftiges, d.h. unbeobachtetes Wort mir ihr zu reden, übrigens
möchte ich wissen, wann sich ein verliebter je auf einem Balle ganz zufrie-
den gefühlt hat! einmal wollte ich mich rächen, und that, als ob ich mich in
eine fortgesetzte conversation mit gräfin reviczky, ihrer Antipathie, die
aber heute wirklich magnifique aussah, und um der lottum einen Possen
zu spielen, wie schon die Weiber sind, mit mir kokettiren zu wollen schien,
einlassen wollte, da stand clotilde auf, nahm mich beym Arme und sagte,
sie wolle mit mir tanzen. dieß war der einzige tanz den ich tanzte, ich be-
gleitete dann sie und meyendorfs zum souper, übrigens hatte man sie auf
dem Balle mit mir geneckt, und da sagte sie mir dann, sie wolle mich nicht
zu auffallend bevorzugen, hole der teufel diese dummen spaßmacher.
ich sprach sonst noch mehr oder weniger mit der Bonetta, grabowsky,
Würtemberg, welche sich durch mich der gräfin lottum vorstellen ließ, or-
loff, uechtritz, die mich der fürstin elisa Poniatowsky vorstellte, etc. gegen
4 uhr, gleichzeitig mit lottum, ging ich fort, nachdem mir diese noch auf
den Abend ein rendezvous zugesagt hatte, fuhr nach hause und ging zu ihr
hinüber, die ich aber üblen humors und in voller toilette fand, so daß ich
sie kaum anrühren durfte, und sie mir gleich ankündigte, sie könne mich
nur auf ein Paar minuten sehen, da ihre kammerjungfer noch wach und es
schon so spät sey, das verstimmte mich, und ich fing an, ihr vorwürfe über
ihre kälte auf dem Balle zu machen, so kam es zu einem ordentlichen Zanke
zwischen uns, sie beklagte sich über meine exigerens [sic] und maussaderie,
sagte, wenn sie dieses vorhergesehen hätte, würde sie mich nicht bestellt
haben, ich sey ein arroganter Prediger etc., und so gingen wir, nachdem wir
uns eine halbe stunde gestritten hatten, aus einander, ziemlich kalt, obwol
sie sich dann ärgerte, als ich supponirte, sie würde mir keinen Abschiedskuß
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien