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Jänner 1842
geben wollen, doch war dieser ziemlich kalt, ich freue mich heute auf die
Aussöhnung, solche kleine scénen sind oft nicht übel.
[florenz] 26. Jänner
ich stand gestern wie gewöhnlich auf, ging aber um 1 uhr nicht wie sonst
zu clotilde, da ich dachte, sie würde noch schlafen, sondern ging nach 1/2
2 zu thurn’s, um mich um resis gesundheit zu erkundigen, da sie gestern
auf dem Balle nicht erschienen war, ich fand dort froloff, mit dem ich nach
einer halben stunde wegging, ich wollte nun zu clotilde gehen, und ein
gleiches wollte er, da ich aber nach unserm gestrigen Zanke gerne eine ex-
plication gehabt hätte und daher allein seyn wollte, nahm ich zu einer lüge
meine Zuflucht und sagte ihm, sie läge noch im Bette. dieß aber nützte mir
zu nichts, denn als ich zu ihr kam, fand ich schon mehrere leute da, und
ich blieb auch keinen Augenblick mit ihr allein, übrigens war sie freundlich
und gut gegen mich wie sonst. gegen 3 uhr wollte ich zu meyendorf, fand
sie aber nicht zu hause, und begegnete unter der einfahrt clotilde, welche
sie im Wagen hatte abholen wollen, wir sprachen da ein bischen mitsam-
men, und sie fragte mich zuerst, ob ich meine üble laune verschlafen hätte,
sprach mir von ihren Projekten für den Abend und über unser gewöhnliches
rendezvous. dann ging ich zu orloff, mit welcher ich ein langes tête-à-tête
und eine sehr animirte conversation hatte, sie fing damit an, daß sie be-
hauptete, ich würde schwerlich jemals sehr verliebt seyn, indem man mir
ansehen könnte, daß mich zu viel andere dinge, und namentlich die Am-
bition, préoccupirten. da ich mich so getroffen fühlte, stimmte ich ein, und
so kam ich de fil en aiguille dazu, ihr von der Beschaffenheit meines ehr-
geizes, von meinen politischen Ansichten, Projekten etc. ziemlich offen zu
sprechen. dergleichen conversationen, bey denen ich mich so lebhaft ange-
sprochen fühle, haben auf mich immer die Wirkung, mich sehr zu montiren,
und so kam es auch dießmal, es wurde essenszeit, und da sie mich engagirt
hatte zu bleiben, ging ich nur schnell nach hause eine demie toilette [sic]
machen, denn da mein Jäger nicht zu hause war, konnte ich keine ganze
machen, und kehrte dann wieder zu orloff zurück, wir waren bloß in 3 bey
tische, nähmlich Peknitzer [?] und wir Beyde, er orloff aß bey montfort, as-
sistirte aber im Anfange bey unserm diner, kaum war dieses fertig, so fuhr
ich nach hause, kleidete mich an und fuhr zu montfort, die Prinzessinn
Wasa hatte mich nämlich letzthin in ihrer loge dem Prinzen Jerôme Bona-
parte (vater) vorgestellt, ohne daß ich seinen nahmen gewußt hätte, und
bloß gestern auf dem Balle hatte gräfin Würtemberg mir gesagt, wer es ge-
wesen, was sie durch ihn selbst erfahren hatte,1 und so wollte ich ihm denn
1 Jerôme Bonaparte war der jüngste Bruder napoleon i. und von 1807–1813 könig von West-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien