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Tagebücher236
sie ängstigen, dann sprach ich viel mit hélène Würtemberg, kurz, that, als
ob ich mich ganz mäßig mit clotilde beschäftigte. Als ich aber sah, daß sie
gegen ihre gewohnheit den cotillon mit einem Potocki tanzen wollte, der
mir ziemlich gefährlich vorkam, da fing ich an, mich innerlich zu ärgern,
ließ mir aber nichts merken, sondern engagirte frau v. meyendorf, die mich
Anfangs meiner ernsten laune wegen neckte, dann aber in ein sehr inter-
essantes gespräch mit mir verfiel, nämlich wir sprachen von mir, und sie
meinte, ich sey in Allem und Jedem kalt und berechnet, sonderbar, daß alle
leute mich darin so bald errathen, und doch bin ich es gerade jetzt so wenig
als ich es jemals gewesen, und zu seyn im stande bin.
clotilde, die mich den ganzen Abend über stets mit den Augen verfolgt
hatte, war, als sie um 3 uhr mit meyendorfs wegging, liebenswürdiger und
herzlicher gegen mich als je, nahm mich in ihrem Wagen mit und akkordirte
mir ohne weiteres Bitten ein wiewohl ganz kurzes rendezvous, das ich auch
nicht länger begehren konnte, da sie ihrer unpäßlichkeit wegen der ruhe
sehr bedarf. Während dieser viertelstunde aber war niemand zärtlicher als
ich, aber auch niemand so verliebt.
mit dem souper hat meyendorf nach seiner gewohnheit mich in der Pat-
sche sitzen lassen. orloff, der mit uns seyn sollte, engagirte uns Alle, lieber
bey ihm zu soupiren, und meyendorf nahm es an und schickte das bestellte
souper contremandiren, ein kellner des Aigle d’or kam gleich herangelaufen
und meinte, das souper müsse bezahlt werden, er habe in diesen 3 stunden
bereits große einkäufe gemacht etc. meyendorf und ich sprachen im vorzim-
mer mit ihm und sagten ihm endlich, wir würden dieses morgen ins reine
bringen.
Wirklich als ich heute aufstand, wartete der restaurant selbst schon seit
ein Paar stunden auf mich, ich sprach mit ihm und werde heute Abends auf
dem casino die sache mit meyendorf ins reine bringen.
heute hat es wieder ein wenig geschneyt, was wird daraus werden? ich
zittere bey dem gedanken an meine rückreise.
Als ich mit meinen Briefen etc. fertig war, wollte ich zu clotilde, die schlief
aber noch, so ging ich zu thurns über die straße, bey denen ich ziemlich
lange blieb. um 4 uhr endlich sah ich sie, Anfangs mit ihrem onkel, dann
ganz allein, sie schickte mir ihre kammerjungfer herüber, als sie aufgestan-
den war, um mich zu holen. die frau wird alle tage schöner, liebenswür-
diger, himmlischer, und ich fühle es, mein gehirn und gesunder verstand
schwebt in großer gefahr.
es ist nur eine stimme in florenz über sie als die eleganteste, distinguir-
teste, apparteste frau, die man gesehen, und alle leute sprechen mir da-
von. um 1/2 6 uhr begleitete ich sie zu ihrem onkel hinab, mit dem sie zum
essen fahren sollte, und ging dann à la nouvelle York, wo ich an der table
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien