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Februar 1842
droit und ging von selbst zu ihr hinüber, die kaum erst auf war und erst nach
einigen minuten heraus kam und frühstückte. Bald nachher kamen visi-
ten ohne ende, und unter andern meine Antipathie metzburg, er erzählte,
daß in diesen tagen ein österreichischer courier bey radicofani angefallen
worden sey, daß man ihm aber nichts genommen hätte, und als ich dazu die
ganz unschuldige und natürliche Bemerkung machte, daß er wahrscheinlich
nichts bey sich gehabt hätte, entbrannte Baron metzburg in diplomatischem
Amtseifer und schien sehr piquirt über eine solche irreverentiöse Zumu-
thung, was sind doch diese Attachés und commis für ein unausstehliches
und lächerliches geschlecht!
gegen 3 uhr ging ich mit froloff weg und auf einen moment zum confi-
seur doney mir den magen zu verderben. dann wollte ich zu uechtritz, be-
dachte aber unterweges, daß Wasa, wie ich höre, samstags einen Ball geben,
auf welchen ich nicht eingeladen zu werden wünsche, da clotilde ganz ge-
wiß nicht gebethen wird, überhaupt macht die gute Prinzessinn dummhei-
ten ohne Zahl und récherchirt und negligirt gerade die leute, die sie nicht
sollte. gräfin lottum hat ihr gleich bey ihrer Ankunft eine visite gemacht,
und dabey blieb es, die Prinzessinn bath sie nie zu einer ihrer soiréen. ich
kehrte also um und ging zu vieusseux, Zeitungen lesen. – – um 1/2 5 uhr
ging ich auf den lungarno, wo eine dichtgedrängte menschenmasse auf und
ab wogte, es war feyertag und das herrlichste Wetter, welches man denken
kann, ich ließ mich einige Zeit von dem gedränge hin und herbewegen. An-
fangs allein, dann mit Allegri, flanirte dann noch mit diesem ein Bischen
herum, und brachte ihn sur le chapitre intarissable de ses amours, oder ei-
gentlich seiner Bewerbung um eine gräfin divier, ein ziemlich überstande-
nes russisches fräulein, die er ihres geldes wegen gerne heirathen möchte,
sie scheint aber nicht anbeißen zu wollen.
dann ging ich nach hause, aß um 6 uhr ganz allein au coin de mon feu,
machte später toilette und ging ins theater, Anfangs einen Augenblick zu
orloff, und dann zu hélène Würtemberg, die ich ganz allein in der montfort-
schen loge sitzen sah, bey ihr blieb ich dann sehr lange, später kam der ex-
könig1 mit gräfin Bertolini, ich sprach lange mit dem erstern, er setzte mir,
depuis des malheureux, d.h. depuis 1815 habe er vœu gemacht, nirgends
mehr hinzugehen als ins theater, und bey sich zu empfangen, maintenant
tout cela s’est apaisé, sagte er, mais alors et devotes premiers tems il y avait
une masse de haines contre nous etc. Wiewohl Jerôme sehr wenig napoleo-
nisch aussieht, so machen die Worte d’un personnage historique doch immer
einen besondern eindruck.
1 Jerôme Bonaparte fürst v. montfort, Bruder napoleon i. und 1807–1813 könig von West-
falen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien