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März 1842
[mailand] 8. märz
es bleibt also bey meiner reise am 13. Alles ist besorgt, mein haus ist be-
stellt und Alles so eingerichtet, daß ich nicht mehr nothwendig habe, hieher
zurückzukehren, sondern gabrielle in meiner Abwesenheit die nothwendi-
gen einleitungen treffen kann. dieses gibt mir ziemlich viel zu thun. doch
glaube ich, daß es auf keinen fall so kommen wird, denn selbst unter den
günstigsten voraussetzungen werde ich wohl immer Zeit genug haben, hie-
her zurückzukommen, um meine Anstalten zu treffen, dergleichen dinge ge-
hen nicht so rasch, und ich rechne auf keinen fall vor dem herbste abreisen
zu können, d.h. europa zu verlassen. Jedoch muß man auf Alles gefaßt seyn.
so geht es denn der entscheidung entgegen, ich habe gute hoffnun-
gen, weil ich ernstlich und fest entschlossen bin, und dieses imponirt im-
mer, wäre ich nur im Punkte des geldes unabhängiger, so würde ich gar
keine Zweifel mehr haben, aber eben da steckt es, wiewohl gabrielle mir
mit wahrer großmut ihr vermögen angeboten hat. davon aber will ich nur
im äußersten falle gebrauch machen, doch aber gibt mir dieser rückhalt
eine bessere sicherere stellung beym sollicitiren. Wovor ich mich aber am
meisten fürchte, ist meine Jugend und die vorurtheile, welche man bey uns
gegen einen Jeden hat, der nicht in dummheit grau geworden ist. indessen
studire und arbeite ich mit wahrer Anstrengung, lese reisebeschreibungen,
handelsberichte etc. soviel ich deren nur auftreiben kann, schreibe Briefe
etc. Was mir abgeht, ist ein specielles studium, welches ich als ersten vor-
wand meiner reise nehmen könnte, denn daß politische Beobachtungen der
hauptzweck desselben sind, wage ich nicht zu sagen, es würde nur miß-
trauen erwecken, und die erforschung der dortigen handelsverhältnisse, in
deren Beziehung zu oesterreich, in welcher hinsicht ich noch am ehesten
hoffe, Aufträge und unterstützungen von der regierung zu erhalten, kann
ich nicht als meinen eigenen selbstständigen Zweck vorschützen. daher
habe ich meine alte neigung zur geologie wieder vorgenommen, vielleicht
kann ich diese als meine spezialität geltend machen.
übrigens scheinen die verhältnisse günstig, die öffentliche stimmung in
triest äußert sich für vermehrung der kommerziellen verbindungen mit
America, wofür bisher von der regierung gar nichts geschehen ist, und wel-
che doch von dem zunehmenden verfalle des handels triests mit der le-
vante dringend gebothen wird, und dieses kann mir vielleicht von nutzen
seyn.
kurz ich habe eine unzahl ressourcen und Wege im kopfe, welche mir
zu dem gewünschten endzwecke verhelfen sollen, wir wollen hoffen, daß sie
wenigstens nicht Alle fehlschlagen.
indessen habe ich hier eine menge Aufwartungen und visiten zu machen,
und sonstige geschäfte. doch spreche ich hier von meinen Plänen nieman-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien