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April 1842
lichtenstein, und ich suche mit fleiß die Zerstreuungen nicht auf, sondern
nehme nur das, was ich nicht wohl lassen kann, denn ich habe es nothwen-
dig, meine gedanken und meine energie beysammen zu halten, und dazu
sind die hiesigen routs nicht geeignet.
[Wien] 19. April
da ich bisher immer keine Zustellung oder sonstige mittheilung von Baron
kübeck erhielt, ging ich gestern zu seinem Praesidialsecretair Baron gerin-
ger, welcher mir sagte, kübeck hätte sich über mein mémoire, jedoch ohne
dieses mitzutheilen, ämtlich an graf mittrowsky gewendet und über meine
bisherige verwendung, fähigkeiten und kenntnisse so wie darüber ange-
fragt, ob Wahrscheinlichkeit vorhanden wäre, daß ich den benöthigten län-
geren urlaub erhalten würde. so willkommen mir einerseits dieser schritt
ist, da er von einem ernstlichen Willen Baron kübeck’s zeugt mich zu unter-
stützen, so befürchte ich doch andererseits, daß mittrowsky, pointilleux wie
er ist, es übel aufnehmen dürfte, daß ich nicht ihm zuerst davon gesprochen
habe, und deßhalb wäre es mir lieber gewesen, wenn ich von dieser Anfrage
kübecks früher wäre in kenntniß gesetzt worden, um dann gleichzeitig oder
noch vorläufig mit mittrowsky darüber sprechen zu können. ich verfügte
mich daher sogleich zum Praesidialsecretair dieses letzteren, sprach mit ihm
über das vorgefallene, wovon er noch keine kenntniß hatte, und ließ mich
zu einer Audienz aufschreiben. da werde ich ihn dann geradezu, und ohne
zu thun als wüßte ich etwas von kübecks Anfrage, um die erlaubniß bitten,
jenen urlaub nachzusuchen.
im übrigen ist seit meinem letzten zur förderung meiner Pläne nicht
viel geschehen, ausgenommen daß ich wieder mit mehreren leuten gespro-
chen oder mich in verbindung gesetzt habe, welche mir Aufschlüsse und
nachweisungen, wie ich sie brauche, ertheilen können. nebstdem hoffe ich,
die Papiere des verstorbenen friedrichsthal (der mit unterstützung der
staatskanzlei centralamerika bereiste und sich in Yucatan den tod holte, er
starb am 3. märz dieses Jahres in Wien), welche in einer chaotischen unord-
nung seyn sollen, zur durchsicht und ordnung zu erhalten. von triest habe
ich noch immer keine Antwort, und in einer gleichen ungewißheit bin ich
rücksichtlich des druckes meiner schrift durch hoffmann und campe, als
ich auch in dieser hinsicht ohne alle Briefe bin.1
Was mich aber jetzt wirklich zu quälen anfängt, ist die länge, in welche
sich alle meine dießfälligen verhandlungen hinausziehen, und die unge-
1 in einem Brief vom 16.4.1842 aus mailand informierte sein mittelsmann, der Buchhändler
Welsch, Andrian, das manuskript sei der vorsicht halber über leipzig geschickt worden,
von wo es dem hamburger verleger avisiert worden sei (k. 114, umschlag 663).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien