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unterrichtet, und deßhalb sehe er sich nicht in der lage, meinen Antrag an-
zunehmen, und wisse mir keine speciellen Aufträge zu ertheilen. sollte ich
dessenungeachtet meine reise unternehmen und dabey erhebliches und
neues bemerken, so würde er jede derartige mittheilung mit dank anneh-
men. das war Alles.
Was in aller Welt kann nur diese plötzliche sinnesänderung bey kübeck
hervorgebracht haben? nach der encourageanten, beyfälligen Aufnahme,
die ich bey ihm fand, nachdem er mir ausdrücklich zugegeben, was auch
gar nicht zu läugnen ist, daß in Beziehung auf jene länder noch unendlich
viel, ja noch Alles zu thun übrig bleibt, und daß diese für oesterreich ebenso
wichtig sind, als sie bisher unbeachtet blieben, nachdem er meine Absichten
gelobt und deren gemeinnützigkeit anerkannt hat und daran die bestimmte-
sten versprechungen knüpfte, nach Allem dem nun plötzlich diese trockene,
selbstzufriedene Antwort! ein Phraseur ist kübeck nicht, damals dachte er,
wie er sprach, woher kömmt es, daß er jetzt nicht mehr so denkt? sollte mitt-
rowskys Antwort diese veränderung bewirkt haben? das sähe dem alten Bu-
reauhengsten ganz ähnlich. Aber wie? über meine fähigkeiten kann er ihm
doch nichts übles gesagt haben, über meine speciellen kenntnisse konnte
kübeck von ihm nie einen Aufschluß erwarten, da diese nicht in den Bereich
meiner ämtlichen Wirksamkeit fallen, also was war es dann, was ihn so um-
stimmte? das muß ich morgen zu erfahren suchen.
Also auch dieser nicht nur mein letzter, sondern auch mein haupt-Anker
gerissen, ich fange nun an ernstlich an den rückzug zu denken. noch aber
bin ich mit mir nicht recht klar geworden über die Wirkungen dieses un-
erwarteten und schmerzlichen Abfalles. Auch du Brutus? und nun drapire
dich, caesar, und falle mit Anstand. i am stunned und weiß selbst nicht,
welches die Wirkung dieses schlages auf mich seyn wird. so ist es immer mit
mir. freude und leid wirken erst nach und nach auf mich ein, im Anfange
bin ich ruhig, so war es auch heute, ich faltete mein Papier zusammen und
ging in den club Zeitungen lesen.
Aber doch gebe ich noch alle hoffnung nicht auf. Will kübeck nichts thun,
so mag es mit fürst metternich versucht werden. ich war deßhalb gleich
diesen Abend bey Bombelles, der mir sagte, er wäre bereits zweymahl beym
fürsten gewesen, um ihm darüber zu sprechen, es sey aber nicht möglich
gewesen, er hoffe, ihn aber noch heute Abend zu sprechen, ich sagte ihm
natürlich nichts von dem, was inzwischen vorgefallen, sondern bath ihn nur
um seine verwendung, und daß er den fürsten bitten möge, mir eine unter-
redung zu gewähren, was bey ihm so unendlich schwer fällt. kann ich ihn
von dem wissenschaftlichen standpunkte dafür gewinnen, und insbesondere
wenn es mir gelingt, daß mir friedrichsthals Papiere autoritativement zur
ordnung übergeben würden, dann ist vielleicht noch nichts verloren, und
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien