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3 uhr auf der eisenbahn abreisen. Alles sehr gute vortreffliche leute, aber
für mich doch gar zu bürgerlich, ich begreife das ganze Wesen meiner bay-
erischen namensgenossen nicht. das Andrianische Blut hat hier degenerirt,
ich bin nicht mehr Aristokrat wie sonst, doch verlange ich feine, großstädti-
sche manieren, ohne diese kann ich mich nicht zufrieden geben.
ich ging also nach hause und erwartete dr. kolb, der kam denn auch
und brachte den redacteur des Auslandes, dr. Wittmann, mit, einen sehr
gebildeten kenntnißreichen mann, doch von lange nicht so feinem Äußern
wie kolb, und in manieren wie in der denkungsart nahe an den demagogen
streifend. Wir sprachen dann Anfangs wieder von meinen reiseprojekten,
von den handelsbeziehungen, die sich zu jenen ländern anknüpfen ließen,
von den deutschen, die gegenwärtig daselbst reisen, es sind deren 2, ein Ba-
ron karwinsky, Botaniker, in mexiko, und ein anderer, ebenfalls da, dessen
namen ich vergaß, von colonisation und Auswanderung, und hierauf wurde
das gespräch allgemeiner und wandte sich bald auf jene gegenstände, die
uns alle vorzugsweise beschäftigten: auf deutschlands einheit, größe und
Zukunft, und auch hier schienen mir ziemlich lebhafte, wenn auch unwill-
kürliche Abneigungen gegen Preußen und vielleicht gegen norddeutsch-
land in masse hervorzutreten. sie hoffen zuversichtlich auf einen baldigen
Anschluß oesterreichs an den Zollverein, welchem ich entgegensetzte, daß
ein Anschluß mit ungarn solange unmöglich sey, als dieses sich weigert,
verhältnißmäßige steuern zu übernehmen, ohne ungarn aber oesterreich
sich nie anschließen würde, um dieses land nicht vollends zu isoliren, sie
bedauerten und rügten Preußens mißgriffe bey Abschließung der letzten
handelsverträge mit holland und besonders mit england, überhaupt schie-
nen sie mir, welche richtung ich auch an der Allgemeinen Zeitung bedauere,
Anhänger eines strengen schutzzollsystemes und einer künstlich gehegten
treibhausindustrie, Alles im interesse deutscher größe und unabhängig-
keit, auch in dieser Beziehung sympathisirten sie mehr, besonders Witt-
mann, mit oesterreichs Zollprincipien. dieser äußerte seine Befürchtun-
gen für deutschland im falle eines continentalkrieges, da oesterreich und
Preußen, durch rußland beschäftigt, es sich selbst würden überlassen müs-
sen. dieses sey die folge der unseligen Arrangements des Wiener congres-
ses, welcher statt oesterreich gegen deutschland und durch Belgiens Besitz
zu kräftigen, ihm Provinzen gegeben habe, welche es im falle eines krie-
ges mit ganzen Armeen hüten müßte. sie kannten genau die ganze gefahr,
welche oesterreich von rußland her durch das mächtige slawische element
in seinen ostprovinzen droht, und bedauerten, daß wir uns in der moldau,
Wallachey und serbien durch rußland den rang ablaufen ließen, besonders
bey der ausnehmenden günstigkeit dieser länder für deutsche colonisation,
weßwegen auch schon von dort aus Anfragen bey den deutschen Auswande-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien