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Mai 1842
rungsvereinen geschehen seyen, die aber eben dieser ungewißheit über das
endliche schicksal jener länder wegen erfolglos geblieben wären. hierin war
ich ganz ihrer Ansicht und verstärkte ihre Äußerungen durch Anführung
des Beyspieles von montenegro. endlich führte ich das gespräch auf Bayern
und dessen offenbar retrograde Bewegung, welche sie erkennen und bitter
beklagen, sie erwähnten mit unmuth die mehrhaft feindselige tendenz der
hiesigen regierung gegen alle großartigen und industriellen unternehmun-
gen, welche sich namentlich bey den eisenbahnen und der donau dampf-
schifffahrt bewährt habe, die vernachlässigung aller materiellen interessen,
die verwahrlosung der Armee, die jämmerliche Justizpflege und ebenso die
drückenden censurverhältnisse namentlich in Bezug auf religieuse gegen-
stände und auf die stimmen deutscher staaten.
noch viel Anderes wurde besprochen, mit Wärme und lebhaftigkeit und
mit einer ziemlichen einstimmigkeit unserer Ansichten, die hannöveri-
schen Zustände, die zunehmende ungleichheit in materieller hinsicht der
ost- und Westprovinzen Preußens, welches vielleicht wichtigere folgen ha-
ben dürfte, als man glaubt, der endliche Anschluß hamburgs an den Zoll-
verein und der große einfluß dieser handelsstadt in norddeutschland, das
berüchtigte sieveking’sche kolonisationsprojekt auf Warrekauri,1 eine zu-
künftige völlige einheit deutschlands etc., kurz, die stunden verflogen in
dieser diskussion, und als dr. Wittmann endlich Abschied nahm, ging ich
noch mit kolb um die stadt spatzieren, um zu einem schlusse wegen mei-
nes eigentlichen geschäftes zu kommen. da ich ihm die unzweckmäßigkeit
eines bogenweisen honorars auf so weite distanzen vorstellte, kamen wir
überein, daß ich einen credit von cotta erhalten würde, und die Abrechnung
sodann nach maßgabe des eingelieferten und des bestimmten honorars zu
geschehen hätte. ich sollte daher an cotta schreiben und mit ihm brieflich
die näheren und genaueren Bedingungen ins reine bringen, er selbst werde
ihm alsogleich darüber vorläufig schreiben. meine mittheilungen sollten po-
litischer und statistischer natur seyn mit besonderer rücksicht auf deut-
sche Auswanderung und colonisation, und nebstbey zur Assaisonirung jener
trockenen gegenstände reisebriefe, reiseeindrücke, charakter- und sze-
nenschilderungen interessanter menschen und dinge. er wünschte von mir
früher einen Aufsatz über dalmatien und montenegro zu erhalten, ich aber
bemerkte ihm, daß solch ein Aufsatz politischer natur nicht wohl ohne ruß-
lands Praedomination daselbst zu berühren geliefert werden könnte, welche
für oesterreich eine wunde seite und daher für mich eine delicate unter-
1 das vom hamburger diplomaten karl sieveking propagierte Projekt einer deutschen ko-
lonisierung der chatham-inseln (hauptinsel chatham oder Warekauri), ca. 600 km östlich
neuseelands, wurde nach dem großen hamburger stadtbrand 1842 nicht weiter verfolgt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien