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30711.
Juni 1842
ben, sie entmannen und verkrüppeln nur unsere thatkraft, und ein mann
ist zum handeln, nicht zum Brüten und träumen da.
ich kann es aber gar nicht sagen, wie hart es mir fällt, wieder in mein
voriges dienstverhältniß bey der delegation treten zu müssen, nebst der
mir mehrhaft peinlichen miserabilitaet und unwichtigkeit der dortigen ge-
schäfte ist mir der delegat und Alles übrige, sogar mit einschluß der vier
Wände, im höchsten grade zuwider, und so war es mir unangenehmer als
ich es ausdrücken kann, daß spaur vor lauter Pedanterie mir meine Bitte
abschlug.
eine menge anderer kleiner désagréments kömmt noch hinzu, unter
andern die entsetzliche unbeholfenheit meines Bedienten, den ich vor der
hand aufnehmen mußte, denn meinen ignatz ließ ich in Wien, wo er bey
fürst montléart einen dienst fand, kurz diese ersten tage sind unangenehm
genug, und zudem geht gabrielle schon morgen mit dem hofe nach monza,
und somit verliere ich auch sie, die einzige gegen die ich mich ganz frey aus-
sprechen kann, für mich ein großer verlust. sie ist jetzt auf einmahl sehr en
faveur und weiß nicht genug von turin, der Pracht der dortigen feste und
des hofes und von ihrer schweizerreise zu erzählen, wenn ich die schweiz
und genf nennen höre, wandelt mich ein unendliches heimweh an, sie hat
sehr schöne cadeaux vom könige, dem jungen ehepaar und der viceköni-
ginn bekommen und scheint sehr zufrieden.1
tendler hat von campe seit dem hamburger Brande keine nachrichten,
ich weiß also noch immer nichts über das schicksal meines manuscriptes,
doch wird er ihm morgen schreiben, und so hoffe ich, in 3–4 Wochen läng-
stens darüber im klaren zu seyn. campe’s capricieuse ungenauigkeit bringt
mich in verzweiflung, es sind nun 6 monathe, daß meine schrift abgegangen
ist, und mit jedem momente verliert sie an ihrem vorzüglichsten interesse,
dem interesse des Augenblickes.
die taglioni ist hier und tanzt, schön wie immer, aber der enthusiasmus
ist lange nicht mehr, wie er vor einem Jahre gewesen, und das haus ziem-
lich leer.
[mailand] 11. Juni
endlich bin ich nun ganz wieder in ordnung, was aber ziemlich lange
währte, da ich erstens ohne Bedienten war, und zudem meine sachen theils
durch die Post, theils durch die schnellfuhr hieher geschickt und nur den
kleinsten theil dieser mit mir genommen hatte. mein langweiliges Bureau-
1 Andrians schwester war anlässlich der hochzeit von erzherzogin Adelheid und kronprinz
vittorio emanuele v. sardinien-Piemont in turin gewesen und hatte anschließend eine
reise durch die schweiz unternommen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien