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30911.
Juni 1842
stehe, auf jeden fall leichter als jetzt, da die sache noch nicht ganz reif ist
und es vielleicht noch weniger scheint. doch aber kann ich mich auf diese
ungewisse hoffnung nicht verlassen, sondern muß, unabhängig von einer
solchen, allenfalls im letzten Augenblicke zu gewärtigenden, Beysteuer das
nöthige reisegeld von 16–20.000 fl. cm zusammen kriegen, und das ist eben
die schwierigkeit.
Wegen der von cotta zu erwartenden Zuschüsse muß ich mich nun an die-
sen selber wenden, doch will ich dieses früher nicht thun, als ich nicht unse-
rer Abrede gemäß kolb in Augsburg einen Aufsatz (über dessen gegenstand
ich selbst noch nicht im reinen bin) werde eingesendet haben, und dazu will
ich wieder kolb’s rückkehr aus den Bädern abwarten, welche wohl nicht vor
Anfang August erfolgen wird. ohnehin dürfte die Angelegenheit mit cotta,
die wohl größtentheils durch kolb gehen wird, bald beendiget seyn, da wir
über die hauptsachen bereits im reinen sind.
so stehen meine Actien, ziemlich viel hoffnung, aber auch viel grund zu
Befürchtungen, soviel aber weiß ich wenigstens, daß sich für den Augenblick
in Wien durchaus nicht mehr hätte machen lassen. geldunterstützungen
von seite der regierung zu begehren, hätte mir, da man meine Anträge zwar
beyfällig und aufmunternd, aber doch sonst ziemlich gleichmüthig aufnahm,
eher geschadet und auf keinen fall zu einem resultate geführt, das kann,
wie gesagt, nur im letzten momente und wenn die sache inzwischen mit der
gehörigen österreichischen Bedächtigkeit und langsamkeit erwogen worden
seyn wird, und auch dann nur vielleicht geschehen, eine unterstützung von
hofe läßt sich in meiner lage leichter durch Andere, als selbst begehren,
und die erzherzoge Johann und stephan, auf die ich beynahe ausschließ-
lich rechnete, waren auf lange Zeit verreist. Alles Andere aber als geldun-
terstützungen hat man mir versprochen, und wird man mir, daran zweifle
ich nicht, gewähren. dagegen hat mir meine reise das gute gewährt, daß
sie mein Projekt zur kenntniß unserer obersten lenker gebracht hat, woran
sie sich daher eventualiter erinnern und darüber nach der maxime: nonum
prematur in annum, brüten können, daß ich mich jenen herrn, und zwar
wie ich hoffe, von einer vortheilhaften seite, bekannt machte, daß ich weiß,
daß mein Antrag mit Anerkennung und dank aufgenommen, mir höchst
wahrscheinlich in der Zukunft vortheil und ehre bringen und nach kräften
unterstützt werden wird (früher fürchtete ich mich hauptsächlich vor einer
bureaukratisch wegwerfenden mißbilligung, wie ich sie Anfangs bey har-
tig fand). mit diesen resultaten nun bin ich zufrieden und halte die Wiener
reise für keine verlorene.
die taglioni tanzt noch immer. letzthin war die Prinzessinn Wasa hier,
uechtritz, mutter und tochter, haben sie recht kindisch und zum großen
Aerger galen’s bereits in Bologna verlassen, so daß sie ohne alle damen hier
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien