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31310.
Juli 1842
dürfte doch wohl nach florenz als gesandter kommen,1 ob er da an seinem
Platze ist, ist eine andere frage.
[mailand] 10. Juli
nicht viel Besonderes seit 14 tagen. meraviglia wird nächstens ganz herge-
stellt seyn, dagegen starb vorige Woche Paul d’Adda nach einer 48stündigen
krankheit an einem nervenschlage. 3 tage vorher hatte ich im theater mit
ihm gesprochen. die viceköniginn ist in einem jammervollen Zustande, und
was dabey komisch genug ist, der erzherzog selbst ist untröstlich, il ne se
doutait jamais de rien, der gute herr, ich aß am tage vor seinem tode, da
er schon in der Auflösung war, bey hofe und sah wie alle Welt den schmerz
der erzherzoginn. die Wittwe caroline d’Adda, gegen die er sich so unschön
benahm, ist nun hier angekommen.
vorgestern war die große vielbesprochene sonnenfinsterniß, für mailand
total, ich betrachtete sie von einem thurme in der kaserne del castello, um
5 uhr 15 minuten früh fing sie an und dauerte bis 7 uhr 17 minuten. 2 1/2
minuten lang war sie total, so daß die sonne ganz verdeckt war und man um
die mondscheibe nur einen ring zitternden, gleichsam elektrischen lichtes
sah, es war der großartigste Anblick, dessen ich mich erinnere, ein grünlich-
graues licht, welches ganz mailand unter mir, die landschaft weit umher,
den dom etc. beleuchtete, doch hätte man zur noth lesen können.
es wird hier immer langweiliger und stiller, Alles geht weg, beynahe
meine ganze tischgesellschaft von cova in die verschiedenen lager, theils
nach Aviano und Pordenone, theils nach somma, spaur’s sind heute nach
venedig zur entbindung clementinens,2 Berchtold etc. Alles ist oder geht
weg.
letzthin wurde die vielbesprochene kassette lord hertfords, welche er im
testamente charlotte Zichy vermachte, feyerlich geöffnet, und statt des er-
warteten geldes fanden sich darin: 5 dutzend cartons, eine menge scanda-
löse miniaturen, und eine Abhandlung sur les différentes maniéres de baiser
une femme, die geschichte ist originell, so leid es mir um die arme charlotte
thut.
ich habe mich jetzt trotz aller Abneigung daran machen müssen, mein
manuscript vom vorigen Jahre wieder durchzugehen, denn da campe noch
immer nicht antwortet, und ich daher nicht weiß, ob es noch existirt, so
schrieb ich ihm zwar neulich einen peremtorischen [sic] Brief und drang auf
eine Antwort, um aber keine Zeit zu verlieren, lasse ich es inzwischen durch
1 Auch dieses gerücht bewahrheitete sich nicht, graf karl chotek blieb – allerdings nur bis
1843 – oberstburggraf von Böhmen.
2 Gräfin Clementine Spaur war seit 25.11.1840 mit Graf Alvise Mocenigo verheiratet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien