Page - 321 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 321 -
Text of the Page - 321 -
32126.
August 1842
sene ostermesse vorbereitet gehabt, und dieses nur deßwegen nicht gethan,
weil er auf seine Anfrage von Wien ungünstige nachrichten über die gerade
herrschenden censurverhältnisse erhalten habe. nun aber werde es auf je-
den fall mit der michaelismesse, wo nicht schon früher, erscheinen.
somit wäre also alle meine unruhe und ungeduld umsonst gewesen so-
wie die mühe und der Widerwille, der mir die nochmalige revision dessel-
ben, welches nun beynahe völlig wieder abgeschrieben worden ist, gekostet
hat, warum schrieb aber auch der närrische mensch nicht? er wollte wohl,
wie Welsch meint, uns damit eine überraschung machen. nun ist aber Alles
gut, da ich über das schicksal und endliche erscheinen der schrift beruhigt
bin. ich hatte in dieser letzten Zeit Zweifel und unschlüssigkeit über ihren
Werth, der mir jetzt nicht mehr so entschieden einleuchtete als vor einem
Jahre in der hitze des niederschreibens, auch klugheitsrücksichten stiegen
in mir auf, ob es nicht gerathener seyn dürfte, den druck zu unterlassen,
besonders in hinsicht auf meine gegenwärtigen verhältnisse und Absichten,
welche freylich die nämlichen wie im vergangenen Jahre waren. nun aber,
da es sich entschieden hat, bin ich auf einmahl wieder beruhigt, und wie
Wallenstein:
es ist entschieden, nun ists gut, und schnell
geheilt ist meine Brust von allen Zweifelsqualen.1
ob der verfasser jemals bekannt wird, ohne mein Zuthun, ist überdieß noch
sehr unwahrscheinlich, und wenn auch, in gottes nahmen, wer weiß, wozu
das gut ist.
interessant waren in diesen tagen die verhandlungen in der französi-
schen kammer über das regentschaftsgesetz, welches endlich am 20. mit
großer mehrheit angenommen wurde. obwohl unpraktisch, wie alles fran-
zösische geschwätz. larocheJaquelin, die wahre praktische illustration zu
heine’s klassischem Bilde von den eselinnen saul’s und den eseln carls X.,2
sprach selbst für einen legitimisten zu dumm. lamartine pro und contra zu-
gleich, voll poetischer floskeln, darunter aber zwey bedeutungsvolle points
saillans: der eine, daß von 28 männlichen regentschaften, die die geschichte
europas kenne, 23 mit königsmord geendet hätten, der andere, daß die
kammern ihr recht, von fall zu fall den regenten zu ernennen, selbst in
1 friedrich schiller, Wallensteins tod, 3. Aufzug, 10. Auftritt: es ist entschieden, nun ist’s
gut – und schnell / Bin ich geheilt von allen Zukunftsqualen. / die Brust ist wieder frei, der
geist ist hell: / nacht muss es sein, wo friedlands sterne strahlen.
2 Andrian spielt hier wohl auf sauls Auftrag, in der Wüste die eselinnen seines vaters zu
suchen, an, und das darauf bezügliche sprichwort „du gehst eselinnen suchen und kommst
zurück als könig.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien