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September 1842
in gleicher Absicht hatte ich mich bald nach meiner Ankunft hier an den
sehr unverdienter Weise berühmten geographen Adriano Balbi gewendet,
fand ihn aber noch leerer und jämmerlicher als ich erwartet hatte.
[mailand] 4. september
interessant ist die Wendung, welche in der letzten Zeit die öffentliche stim-
mung und die Publizistik deutschlands, besonders süddeutschlands, zu
gunsten oesterreichs und unserer regierung nimmt, es ist ein unaufhörli-
ches kokettiren mit uns, ein allgemeiner Wunsch nach Annäherung, welche
freylich von unserem wie von ihrem interesse gebothen zu werden scheint,
und ein eben so allgemeines vielleicht auch geflissentlich übertriebenes lob
der neuesten regierungsakte bey uns, übrigens muß man anerkennen, daß
unsere regierung wirklich in der letzten Zeit und namentlich in finanzieller
und industrieller Beziehung eine rege und aufgeklärte thätigkeit entwik-
kelt. von ihrer energischen übernahme und Beförderung unserer großen
staatseisenbahnen (wovon freylich ihre tergiversationen und Plackereyen
der mailand-venezianer Bahn eine Ausnahme bildet, die mir um so uner-
klärlicher ist, als sie offen darauf hinausgeht, die der gesellschaft ertheilte
concession rückgängig zu machen und sie auf staatskosten zu bauen, wovon
ich den nutzen so gar nicht einsehen kann) gar nicht zu sprechen, hat sie
im verlaufe dieses Jahres mehrere maaßregeln von theils größerer theils
geringerer Wichtigkeit getroffen, welche, wenn auch mitunter zum theile
verfehlt, doch ihr Bewußtseyn beurkunden, daß die gegenwärtige stellung
eine unhaltbare sey, aus der man um jeden Preis heraustreten müsse. vor-
nehmlich ist es die eröffnung von Absatzwegen, die Befreyung des verkehrs
von unnützen fesseln und die vielleicht übertriebene Begünstigung des kre-
dits, die das hauptargument Baron kübeck’s bilden. so das neue Postgesetz,
die Postconvention mit Bayern, womit der Anfang zur Abschaffung des fran-
kirungszwanges zwischen verschiedenen staaten gemacht wird, ein neues
und sehr folgenreiches Prinzip, die Aufhebung der einfuhrszölle auf rohe
Baumwolle, die freygebung des transportes von reisenden durch Privatun-
ternehmungen, die unterhandlungen mit england wegen übernahme der
indischen Post, und noch viel andere, die erst in der vorbereitung begriffen
sind. schon das rütteln an einem alten rumpelkasten ist verdienst, weil da
wenigstens all die staubwolken und nachteulen zum vorschein kommen,
die darinnen hausen.
die allgemeine Zeitung brachte jüngst eine reihe von vortrefflichen Ar-
tikeln, worin der nutzen eines Anschlusses oesterreichs an den Zollverein
nachgewiesen wurde, wobey die freyhafeneigenschaft, ohnehin ein über-
bleibsel der handelsbarbarey vergangener generationen, triests, venedigs
etc. aufgehoben und diese zu Absatzpunkten für das ganze Zollgebieth wer-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien