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Oktober 1842
lago maggiore, Baveno, lago d’orta und varallo zu fahren und dabey ste-
hen zu bleiben, denn unsere Zeit war gemessen, da wir heute samstag wie-
der zurück seyn wollten. Aber in derselben nacht regnete es schon wieder
und ärger als je am tage darauf, wo wir dann in verzweiflung über melide
und Porto morcote nach varese fuhren, dort trennten wir uns, neipperg ging
zu litta, ich ins Wirthshaus und trachtete, den rest des tages so gut ich
konnte todtzuschlagen. tages darauf fuhr ich nach mailand, wo ich um 9
uhr ankam, und seitdem ist es das herrlichste Wetter. o tücke des schick-
sals.
Während meiner Abwesenheit ist meine Wohnungsveränderung bewerk-
stelliget worden, und da hatte ich dann diese 2 tage vollauf zu thun, ich bin
mit dem tausche sehr zufrieden und glaube, in jeder hinsicht gewonnen zu
haben.
Alles ist weg und mailand grundlangweilig. vielleicht fahre ich künftige
Woche auf 48 stunden zu den manœuvers und der Parade bey Brescia, es
gibt dort ein paar schock erzherzoge. indessen sitze ich hier bey meiner lie-
ben elise Berndis, welche auch im Publikum zu gefallen anfängt, die sache
wächst sich zu einer herzzerreißenden, vernichtenden, wahnsinnbringenden
leidenschaft heraus.
unter den Briefen, welche mich bey meiner rückkehr hier erwarteten,
war einer von Auguste [horrocks], welcher mich und zwar beynahe un-
angenehm frappirte. seit dem vor einigen monathen erfolgten tode ihres
lieblingsbruders eustace und wohl auch in folge all ihrer häuslichen un-
glücke ist sie zur religiösen schwärmerinn geworden und hat ihren sonst
so weltlichen sinn bloß auf gott und Jenseits gestellt. von herzen gönne
ich ihr, der unglücklichen, schwergeprüften, diesen trost, denn ein solcher
scheint ihre neue überzeugung für sie zu seyn, aber nun fängt sie an, auch
für mich gewissensqualen zu empfinden und sich zu ängstigen, daß ich, das
Weltkind, verdammt und so auf ewig auch in einem anderen leben von ihr
getrennt werden dürfte. und so nimmt sie mich jetzt förmlich in die Predigt
und schreibt mir einen 8 enge seiten langen Brief voll religiöser salbung
und dringender vorstellungen, mich zum Wege des heiles zu bekehren. Wie
gesagt, ich freue mich über den ihr gewordenen trost, ängstige mich, daß
ihr bey ihrer angeborenen exaltation aber aus dieser neuen tröstungsquelle
ein neuer heftiger schmerz, die sorge um mein seelenheil, entstehen dürfte,
und erkenne gerührt und dankbar die unvergängliche überschwängliche
liebe, welche sie mir gewidmet hat, und die sich wohl in keinem andern
frauenherzen wiederholen wird. Je länger wir uns kennen, desto mehr
komme ich zur überzeugung, daß so wie Auguste mich liebte und liebt, nur
höchst selten auf erden gefühlt und geliebt worden ist. Was mich betrifft,
so mache ich keinen Anspruch mehr, jemals wieder einer gleichen liebe
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien