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Oktober 1842
liener gegen Alles, was das point d’honneur betrifft, mag er nach der garsti-
gen geschichte, welche seine von der samoyloff arrangirte heirath mit ihrer
schwester vereitelte, doch nicht so gleich in seine cara patria zurückkehren.
übrigens ist Julie’s mann vor kurzem in rußland gestorben, und so wird
sie diesen Winter hier ziemlich still leben. Wir werden übrigens allem An-
scheine nach ein sehr brillantes theater haben. taglioni und cerrito sind
Beyde engagirt, was mich der taglioni wegen kränkt, da sie zu gut dazu ist,
in den pöbelhaften kampf der hiesigen theaterpartheyungen herabgezogen
zu werden. Jetzt ist sie in Bologna, trubetzkoi wie natürlich hinter ihr her.
meine platonische liebe mit der guten elise Berndis fängt mich zu lang-
weilen an. doch fasse ich mich in geduld, da es ohnehin wahrscheinlich
nicht mehr lange währen dürfte, wenn sie merelli nämlich, wie es scheint,
auf den Winter anderswo singen läßt. Zudem finde ich auch fast immer lang-
weilige leute dort, unter andern jetzt den Portraitmahler Petter aus Wien
mit seiner frau, ich glaube, ich werde nach und nach auch neipperg’s An-
sicht theilen und alle deutschen frauen, besonders aber die deutschen mäd-
chen, aus lauter sentimentalität und langweiligkeit unausstehlich finden.
Apropos, von clotilde keine Antwort trotz meines freundlichen entgegen-
kommens, das sieht nun denn doch aus wie eine Brouillerie, aber warum
dieses? das möchte ich doch wissen.
sonst nicht viel neues, ich habe letzthin an geringer geschrieben von
meinen reiseprojekten, und um ihn zu fragen, ob Baron kübeck, falls er
mir, wie ich voraussetze, Aufträge geben wolle, den gegenwärtigen Zeit-
punkt für geeignet halte, oder ob er vielleicht der meinung wäre, daß es
besser sey, meine reise um etwas aufzuschieben. mein eigentlicher Zweck
hierbey aber war, kübeck die sache neuerdings und von einer vorteilhaften
seite in erinnerung zu bringen, weil ich voraussehe, daß, wenn erzherzog
stephan, der nun bald in Wien zurück seyn muß, mit graf kolowrat dar-
über sprechen wird, er darüber befragt werden wird. Weiters läßt sich für
den Augenblick nichts thun. An graf hartig zu schreiben, wozu er mich er-
mächtigte, halte ich jetzt nicht für passend, erstlich weil ich nicht weiß, wie
er, der die ganze sache nie recht gôutierte, über den geldpunkt, welcher
nun der haupt- wo nicht der einzige Anstand ist, denken wird, dann weil
ich an der Mächtigkeit seines Fürwortes bey Kolowrat zweifle, und endlich
weil mein Avancementsgesuch gerade jetzt bey ihm liegt, und ich dieses
denn doch nicht verderben will.
in der politischen Welt zieht deutschland und vornehmlich Preußen täg-
lich mehr meine und wohl auch die Aufmerksamkeit der gesammten civili-
sirten und Zeitungen lesenden masse an sich. es vergeht fast kein tag, der
nicht neues und interessantes brächte, und das ist der Weg für Preußen,
eine wahre und wohlthätige hegemonie in deutschland zu erlangen. da gibt
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien