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November 1842
Wir haben jetzt eine vortreffliche französische komödie hier, wenigstens
einige ganz ausgezeichnete schauspieler, z.B. m. Josse, m. doligny, m. und
vor allem mad. taigny, welche das nonplusultra von grazie und liebens-
würdigkeit ist. elise Berndis geht in acht tagen fort und nach turin, ebenso
der hof, jedoch dieser nach venedig, dagegen ist Julie samoyloff hier geblie-
ben und dürfte wohl den Winter hier zubringen, was für mich sehr ange-
nehm ist. ihr salon ist nun wieder in eine ganz deutsche Phase getreten und
eigentlich nur eine elegantere Wiederholung cova’s geworden. doch ist es
immer so weit besser und angenehmer als wie er, wie im vorigen Jahre, aus-
schließlich von martini und consorten dominirt war. mit mathilde Berchtold
ist sie wenigstens pro forma ausgesöhnt, und diese kömmt manchen Abend
zu ihr. eine garstige geschichte ist der Prozeß, welchen caroline d’Adda,
Paul’s Witwe, mit dem hiesigen civil-tribunale führen muß, welches ihr die
vormundschaft über ihren sohn wegen schlechter Aufführung abgesprochen
hat, die viceköniginn soll, wie man allgemein sagt und ich aus guter Quelle
weiß, den Präsidenten etc. selbst gesprochen und sie gegen die mutter auf-
gereizt haben. doch hat das Appellationsgericht das urtheil erster instanz
kassirt und dieser befohlen, der mutter ihre entscheidungsgründe mitzu-
theilen, damit sie sich rechtfertigen könne, und da sind dann gründe zum
vorscheine gekommen, wie der, daß sie bey den lektionen ihres sohnes nie
zugegen gewesen sey, daß dieser eine unüberwindliche Abneigung gegen sie
habe, zu diesem Behufe wurde der 13jährige knabe eigens vor gericht geru-
fen, und dergleichen mehr. es scheint aber gewiß, daß dieser ungerechte und
tyrannische spruch nicht wird durchgesetzt werden können, man kann sich
aber denken, wie die leute über diese geschichte und die dabey stattgehabte
allerhöchste influenzirung losziehen. dadurch kommen dann alle alten und
uralten geschichten, um welche die ganze Welt weiß, ausgenommen der
durchlauchtige gemahl, wieder aufs tapet.
das merkwürdigste, was jetzt in der politischen Welt vorgeht, sind un-
streitig die letzten vorfälle in serbien und der Wallachey, die vertreibung
der obrenowics und einsetzung czerny’s unter Aufhebung beynahe aller
serbischen freyheiten,1 und nun die von rußland erzwungene Absetzung
ghika’s, man spricht nun schon, daß kisseleff hospodar der Wallachey wer-
den soll,2 und überall bewährt sich rußlands hand und intrigue, und über-
all oesterreichs stupide unthätigkeit, und zum tausendsten male der „große
1 Gemeint ist Alexander Karageorgević, der nach dem Sturz von Michael Obrenović zum
Fürst von Serbien gewählt wurde. Sein Vater war Georg Petrović Czerny, genannt Karage-
org.
2 Zum nachfolger des Anfang oktober 1842 gestürzten hospodars (fürst) Alexander ghika
wurde im Jänner 1843 georg Bibescu gewählt. der russische general graf Paul kiselev
war 1829–1834 gouverneur der moldau und Walachei gewesen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien