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Dezember 1842
Bombelles, der hofdame Zobel, bey graf spaur, Pachta etc. um 4 uhr war
diner bey hofe, fast bloß oesterreicher, bey dem cercle, der diesem voran
ging, war ich der erzherzoginn vorgestellt worden. das diner war wie Alle
dergleichen langweilig und steif. vom diplomatischen corps war außer
schwarzenberg nur noch der brasilianische gesandte mando da, welcher
der erzherzoginn so eben das großkreuz des ordens vom südlichen kreuze
überbracht hatte. um 1/2 9 war großes hofconcert und große galla, unsere
kammerherrnschlüssel öffneten uns den eintritt ins Allerheiligste, wo die
erzherzoginn cercle hielt, während Alles Andere, groß und klein, draußen
sitzen mußte. das concert war ziemlich hübsch und der Anblick des gan-
zen brillant. um 11 war Alles aus, und gegen 1 uhr fuhren Pergen und ich
mit einem vetturino ab, froh, diese corvée überstanden zu haben, und ich
wenigstens entschlossen, diesen Besuch nicht mehr zu wiederholen, indem
es nur gêne ohne irgend eine unterhaltung gab. nach einer kurzen rast
in fiorenzuola waren wir gegen 10 uhr in Piacenza. dort ließ ich Pergen
zurück, der dort neipperg abwarten wollte, welcher in der nacht nachkom-
men sollte, und fuhr auf einem zweyrädrigen karren ohne alle Bagage sehr
schnell nach lodi, nahm dort den eilwagen und war vor 7 uhr Abends zu
hause.
hier ist eine allgemeine débandade, der hof geht am 19. nach venedig
und mit ihm wie natürlich gabrielle, am 22. verläßt uns zu meinem großen
leidwesen die französische komödie und mit ihr mad. taigny, welche mir
den kopf rein verdreht hat, hätte ich viel geld, so wüßte ich dieses nicht
besser anzuwenden als für sie, endlich am 20. reist die samoyloff nach Paris,
was für mich ein sehr großer verlust ist, da ihr salon eine sehr angenehme
ressource ist, erst gestern brachte ich da einen charmanten Abend zu. die
frezzolini und Poggi waren da und sangen himmlisch.
sonst nichts neues. Barcelona hat sich nach einem starken Bombarde-
ment à discretion ergeben, ich hoffe, espartero macht main-basse über das
hunde-nest, ich ließe an seiner stelle die nationalgarde decimiren, ströme
von Blut müssen fließen, um den leuten ihre revolutionswuth zu verleiden.
fürst metternich pfeift scheint es, auf dem letzten loche – glück zu.
[mailand] 24. dezember
Bis heute hatten wir das schönste Wetter von der Welt, wahre frühlings-
tage, heute regnet es und verspricht üble feyertage, ein großes désappointe-
ment für die mailänder.
vorgestern war die letzte vorstellung der französischen komödíe, und
zwar eine außerordentliche zum Besten der gesellschaft, die mit Ausnahme
der beyden taignys sich in sehr mißlichen umständen befindet. die ein-
nahme war jedoch äußerst glänzend, was besonders mad. taigny zu danken
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien