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Jänner 1843
kurzer Abriß des ideenganges in derselben gegeben, und nun geht es an ein
hin- und herrathen über den verfasser. er glaubt, derselbe stamme aus
Böhmen (warum? das kann ich mir nicht erklären, wirklich höre ich hier,
daß man leo thun für den verfasser hält) und sey „ein lehensvetter von
Bülow Cummerow“, „ein Edelmann nach Stand und Gesinnung, überflogen
von moderner Bildung und tendenzen, liberal bis auf einen gewissen grad
und ebenso bis auf einen gewissen grad konservativ, wohlunterrichtet und
wohlmeinend, patriotisch für sein vaterland, aber noch patriotischer für
seinen stand.“ er sey noch jung, weil er sage, er hoffe, die stehenden heere
noch mit eigenen Augen verschwinden zu sehen, und kein litterat vom
Fache, weil er dazu nicht leicht genug schreibe (das war der empfindlichste
hieb, denn ein eleganter styl erat in votis, obwohl ich einsah, nichts sey
so schwer, als auch bey stellen einfacher, ruhiger darstellung gefällig und
fließend zu schreiben), sich in keine Persönlichkeiten verloren hätte und
auf göthe schimpfe.
hierauf wird, ohne eine Widerlegung zu versuchen, ohne auch nur sich
auf das im Buche gesagte irgend einzulassen, vorzüglich die aristokrati-
sche seite desselben hervorgehoben (was ziemlich boshaft ist, besonders so
herausgerissen aus dem ganzen) und diese tendenz scharf hergenommen,
wobey sich eine ziemliche Bitterkeit gegen den Adel kundgibt.
obwohl man nun im ganzen diesen Artikel für ziemlich feindselig hal-
ten muß, so beweist er doch schon durch sein bloßes erscheinen und mehr
noch durch seine ganze haltung, daß dem Buche eine mehr als gewöhn-
liche Bedeutung zugestanden wird, und das ist vor der hand genug. daß
es darin manches gibt, was ich heute nicht mehr so schreiben würde, wie
ich es vor anderthalb Jahren [ge]schrieben, habe ich nicht nur selbst an-
erkannt, sondern auch in diesen Blättern niedergeschrieben. ich bin be-
friedigt, wenn man in der schrift mehr als bloße schreibesucht und ei-
telkeit und keine pöbelhafte leidenschaftlichkeit entdeckt, sondern eine
wohlwollende Absicht und praktische, staatsmännische ideen, über deren
richtigkeit dann freylich ein Jeder sein urtheil hat. denn nur solche ideen
und solche männer haben eine Zukunft. ich kann nicht sagen, daß diese er-
ste Beurtheilung meines ersten schrittes in das öffentliche leben mir eine
besondere gemüthsbewegung hervorgebracht hätte, so unverhofft sie mir
auch zu gesicht kam, im ersten Augenblicke war es ein frohes gefühl der
Bedeutendheit meiner Produktion. Bitterkeit über die mancherley Ausfälle
in der Beurtheilung empfand ich nicht und eben so wenig einen ernstlichen
gedanken einer Widerlegung, obwohl sich diese in manchem leicht und
schlagend geben ließe.
übrigens geht das Buch hier sehr schnell ab, die größere hälfte der hie-
her gesandten exemplare ist bereits vergriffen, und der Buchhändler sagt
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien