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35911.
Februar 1843
schrods interessantes Werk über englands handel und gewerbe1 etc. der
Zollverein hat in list’s neuentstandenem Zollvereinsblatt ein organ gefun-
den, welches, das bin ich gewiß, ein historisches ereigniß werden wird,2
schon schreyen und wüthen die englischen Blätter gegen dasselbe und des-
sen, wie sie sagen, antisociale tendenzen. manches mag wohl in list’s An-
sichten übertrieben und unklar seyn, aber im ganzen ist doch sein system
die Wahrheit, und er der erste, der den muth hatte, es offen auszusprechen
und bis auf alle seine consequenzen durchzuführen. und deßhalb hat auch
sein Buch über die nationale Oekonomie, welches ich im verflossenen Herb-
ste las, in mir eine Art von Abschnitt und epoche gemacht, wiewohl es zum
theile nur aussprach, was ich schon früher gedacht hatte.3 überhaupt aber
liegt unsere ganze Zukunft in diesem gebiethe, unsere ganze Politik ist
hinfüher [sic] eine kommerzielle, je mehr ich diese fragen studire, desto
mehr überzeuge ich mich davon, ein grund mehr, sich dafür zu interessi-
ren.
erbärmlich sind, wie gewöhnlich, die diskussionen der französischen
kammern. dießmal ist das durchsuchungsrecht und die verträge deßhalb
mit england das langweilige ermüdende steckenpferd, auf dem die kerle
reiten, ohne auch nur ein Wort von deren eigentlicher Bedeutung zu ver-
stehen oder verstehen zu wollen. don Quixote lamartine ist mit sack und
Pack zur opposition übergegangen, welche aber bisher nur eine mäßige
freude über diese neue Acquisition hat. merkwürdig ist dabey das einstim-
mige urtheil aller Blätter, der französischen wie der fremden, über seine
nullität als Politiker, wieder eine lektion, daß es mit Poësie und Worten in
der Politik nicht abgethan ist.
[mailand] 11. februar
gestern schickte mir flore Breda’s Antwort auf meine Briefe. sie ist äu-
ßerst ungünstig, indem sie sagt, daß erzherzog stephan mit kolowrat we-
gen meiner reiseanträge gesprochen habe, daß aber wenig oder gar keine
hoffnung zur realisirung meiner Absichten vorhanden sey, indem man mir
die nöthigen technischen und kaufmännischen kenntnisse nicht zutraue.
so geht es bey uns immer, wer nicht ein altersgrauer esel geworden ist,
hat in oesterreich immer eine ungünstige meinung gegen sich, und deß-
halb stehen wir als wahre esel am Berge. die rede wegen der technischen
1 carl theodor v. kleinschrod, großbritanniens gesetzgebung über gewerbe, handel und
innere communicationsmittel statistisch und staatswirthschaftlich erläutert (stuttgart
1836).
2 das Zollvereinsblatt erschien seit Jänner 1843 in Augsburg.
3 friedrich list, das nationale system der politischen ökonomie (stuttgart 1841).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien