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Februar 1843
überwiegenden Bedeutsamkeit seiner Beschäftigung durchdrungener und
an dieser ein interesse nehmender Bureaumann zu werden und auf meine
anderweitigen speculationen, worin ich so ganz meinen Beruf und meine
neigung verspüre, zu verzichten, und doch ist es nur ein solcher mann, dem
die bureaukratische carrière lorbeeren verheißen kann. Warum also nicht
lieber gleich seine Parthie nehmen, und ehe es zu spät ist abtreten? dage-
gen sagte ich mir wieder, daß meine existenz in diesem falle, besonders
seit mein vermögen in beständiger Abnahme begriffen ist, durchaus nicht
gesichert wäre, eine lohnende Wirksamkeit im inneren sey unter den ge-
genwärtigen verhältnissen unseres vaterlandes in einer außerämtlichen
stellung nicht möglich, und zwar um so mehr, als ich nicht einmahl durch
meine geburt einem der größeren staatskörper unserer monarchie (Böh-
men, ungarn etc.), in welchen sich nun doch ein geistig nationales leben
regt, angehöre, nach Art so mancher unzufriedener sprudelköpfe mich in
die reihen der ultraliberalen skribler zu werfen, würde mir schon aus dem
grunde nicht conveniren, weil es mir in der öffentlichen meinung den ruf
der consequenz, das moralische gewicht eines festen, leidenschaftslosen
charakters unwiderbringlich rauben würde, und ich würde dieses aus man-
nigfaltigen gründen für das größte unglück ansehen, meine nun schon zu
tief eingewurzelten aristokratischen und unabhängigen gewohnheiten wür-
den mich überall hin begleiten und mir manchen Weg versperren, manche
menschen abstoßen, wie ich denen unter so veränderten verhältnissen be-
gegnen würde, und eine bloß wissenschaftliche, nicht unmittelbar praktische
Beschäftigung würde mich nicht befriedigen. Als facit alles diesen blieb, daß
ich am Besten thue, vorerst in meiner jetzigen stellung zu bleiben und aus
dieser heraus eine andere mir mehr zusagende, jedoch immer in und mit
dem staate zu erstreben, freylich kann dabey spaur’s Wort von den zwey
stühlen eintreffen.
[mailand] 22. februar
ich fange nach und nach an, an meinen zertrümmerten luftschlössern soviel
wieder aufzubauen als gerade geht, nämlich in Betreff meiner reiseexpedi-
tion, denn den Aufschub meiner Beförderung halte ich für einen Wespen-
stich, zugefügt von wahrhaften insekten, der einem wohl ungeduld, Ärger
und momentan üble laune, aber keinen eigentlichen schmerz verursachen
kann. nun ich diesen ersten unwillen (der übrigens auch immer nur die Per-
sonen und die form, nie die sache selbst betraf) überstanden habe, denke
ich kaum mehr daran.
Also hinsichtlich meiner reise habe ich gleichzeitig an den erzherzog
stephan und an Breda geschrieben, beydes, um ersterem für seine verwen-
dung zu meinen gunsten zu danken, ihn zu bitten, daß er mir diese un-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien