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Tagebücher380
besuchen, wo er campe treffen wird. da werde ich dann Weiteres erfah-
ren, besonders in Betreff der 2. Auflage, welche vorzüglich in Deutschland
versandt werden sollte, da die erste ausschließlich nach oesterreich ging.
Abgesehen von den gebothen der in meinen verhältnissen und bey meinen
gegenwärtigen Bemühungen nothwendige klugheit habe ich auch schon
deßwegen keine versuchung gefühlt, mich als verfasser zu bekennen, weil
das Buch doch manche Ansichten enthält, besonders in staatsökonomischer
hinsicht, welche jetzt nicht mehr die meinigen sind, und weil ich seit der
Zeit vielleicht auch durch größeres studium, vornehmlich aber wohl durch
den seitdem eingetretenen erfreulichen umschwung in der regierung, zu
heitereren, optimistischeren Aussichten in unsere Zukunft gekommen bin,
als es damals der fall war. kurz, jetzt würde ich das Buch gar nicht oder
doch in manchen stücken anders geschrieben haben. Wenn aber ohne mein
Zuthun die Wahrheit bekannt würde, so würde ich sie frey und offen und
ohne irgend eine Anwandlung von scham oder vorwurf bekennen. denn
immerhin bleibt es ein bedeutendes, seinen verfasser ehrendes Produkt,
was auch die ihm gewordene glänzende Aufnahme beweist, welche es doch
wahrhaftig weder durch pikante Persönlichkeiten noch dadurch erlangt
hat, daß es den leidenschaften irgend einer Partey ausschließlich schmei-
chelte. niemand auf erden kennt den verfasser als ich, Welsch, der Alles
besorgte, dürfte ihn ahnen, aber auch weiter nichts. Also dürfte dieses epi-
sodium meines lebens wohl ein ewiges geheimniß bleiben.
[mailand] 30. April
vor 3 tagen wurde gegen 7 uhr Abends eine Art von Attentat auf die Per-
son des vicekönigs verübt. er kam eben mit seinem kammerherrn carcano
vom spatziergange zurück, als ihm ganz in der nähe der Burg ein narr,
ein gewisser sinelli aus cremona, näherte, ihm eine Bittschrift überreichte,
und als er sie nicht annehmen wollte, mit einem eisernen instrumente einen
stoß versetzte, welcher aber bloß die kleider an der rechten seite zerriß, die
haut aber nicht verletzte. er wurde gleich ergriffen und gestand sogleich
seine Absicht, den erzherzog zu tödten, indem er behauptete, dazu von gott
eine mission erhalten zu haben. man fand bey ihm eine schrift in diesem
sinne und mit evidenten Zeichen von geisteszerrüttung, weßwegen er auch
schon einmahl im irrenhause war, aber im Jahre 1840 als geheilt entlassen
wurde. der vorfall machte große sensation und erregte allgemeinen unwil-
len und theilnahme, leider verstand es der erzherzog hier wieder, wie ge-
wöhnlich, nicht, den Augenblick zu benützen, sondern fuhr, wie schon früher
bestimmt gewesen, tags darauf (am 27.) in aller frühe nach turin ab, so
daß das Publikum ihn seit diesem vorfalle gar nicht gesehen hat, und der
günstige eindruck längst verwischt seyn wird, bis er wieder hier erscheint.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien