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Juni 1843
von venedig aus kannte, wiewohl ich mich an ihn nicht erinnern konnte.
tags darauf gegen mittag waren wir in verona, Abends in Padua, und erst
um 3 uhr morgens hier, wo ich dann noch müde und matt wie ich war, in
5 Wirthshäusern herumfahren mußte, ehe ich endlich im leone bianco ein
elendes Zimmer fand. Wegen der Pfingstfeyertage und der regatta, welche
heute stattfinden soll, ist venedig mit fremden überfüllt. nachdem ich aus-
geschlafen und gefrühstückt hatte, ging ich meine Bekannten aufsuchen,
zuerst feldmarschallleutnant Zichy, dann thurn, Pascotini, reviczky etc.,
soranzo etc., dann ging ich auf den marcusplatz, wo ich wieder eine unzahl
Bekannte fand, bis es essenszeit wurde. ich aß bey thurn mit dem major
gorrizutti und seiner frau, Pascotini etc. nachher machte ich, wiewohl es
ziemlich kühl war, meine beliebte gewöhnliche spazierfahrt in der gondel,
flanirte dann auf der riva dei schiavoni, auf dem marcusplatze vor den
caffeh
häusern etc. mit thurn’s, reviczky, etc. herum, kurz, brachte auf ächt
venezianische Weise meine prima sera zu, traf dann marmont, mit dem ich
lange auf und ab und endlich zu thurn ging, wo ziemlich viele leute, erz-
herzog friedrich, reviczky, Pascotini, Albrizzi, galvagna, michiel, Allegri
etc. und ein clavierspieler sartorio waren, da wurde thee getrunken und bis
12 uhr geblieben. dann setzte ich die schöne gräfin reviczky in ihre gondel
und ging dann noch auf den Platz, um meine alten freunde im caffé florian
zu sehen. Auch hier fand ich Alles noch wie vor 8–9 Jahren. so oft ich nach
venedig komme, freut es mich, immer Alles auf dem alten flecke zu finden
und lauter freundliche wohlbekannte gesichter, in mailand entwöhnt man
sich ganz, dergleichen zu sehen. und doch scheint venedig in ziemlichem
fortschritte, die gasbeleuchtung, die eisenbahn, die société commerciale
etc., das sind Alles symptome eines bedeutenden materiellen Aufschwunges.
im übrigen aber sind die venezianer noch immer gewaltig zurück und in
einem Zustande provinzieller und lokaler Abgeschiedenheit, welche mir auf
die länge unausstehlich wäre.
heute 5 uhr nachmittags ist regatta, wenn das Wetter keinen strich
durch die rechnung macht, und heute nacht fahre ich mit dem dampfschiffe
nach triest ab.
triest 6. Juni Abends
gestern vormittags war ich bey einem großen concerte in der Appollinen,
wo unter andern dlle nathalie fitzjames, die tänzerinn, sang. niemand will
heutzutage bey seinem handwerke bleiben.
es regnete gestern häufig, so daß man bis zum letzten Augenblicke
dachte, die regatta würde nicht stattfinden können, gerade gegen 5 uhr
aber klärte sich das Wetter auf, und es wurde der schönste Abend. ich aß
bey Zichy mit erzherzog friedrich in aller eile ein ganz excellentes diner,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien