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Tagebücher404
lein aus ungarn (welches mir sehr bekannt vorkam) sammt seinem magya-
rischen hofmeister.
ich sah ornavasso wieder, wo ich vor 3 Jahren so lange bloquirt gewe-
sen, die Brücke von magiandone, wo ich damals beynahe verunglückt wäre,
und war nach einer sehr angenehmen fahrt im cabriolet durch das schöne
thal Abends gegen 9 uhr in domo d’ossola. dort wurde Wagen gewech-
selt und soupirt, dann ging es weiter, kurz bevor wir nach gondo kamen,
wurde es tag, und wir machten dann einen großen theil des simplons zu
fuße. im ganzen muß ich sagen, daß dieser Alpenübergang unter meiner
erwartung blieb und dem s. gotthard weit nachsteht, er ist sehr lang, sehr
kahl und öde, aber nichts grandioses, ausgenommen die letzte strecke be-
vor man zum hospiz kömmt, welche über einem thale in schwindelnder
höhe vorbeyführt, und wo es mehrere bedeckte gänge, als schutz gegen
die lawinen, gibt. Auch sind gleich am Anfange des simplons einige schöne
in den felsen gesprengte tunnels. Am hospiz (eine filiale desjenigen am
grand-saintBernard) waren wir gegen 9 uhr, und dann ging es rasch ab-
wärts, um 11 waren wir in Brig, wo gegessen wurde, dann weiter durch
das langweilige, einförmige, öde rhone-thal, bey einer afrikanischen hitze
über sierre, tourtemagne nach susten, wo ich gegen 3 uhr ankam, den eil-
wagen verließ, ein paar träger nahm und nach dem eine halbe stunde ober
der straße gelegenen loueche-la-ville hinaufstieg. dort gab es Anstände
wegen meiner Bagage, welche sie mir nicht alle auf mein Pferd packen woll-
ten, ich mußte daher nebstbey noch einen träger nehmen. gegen 1/2 5 uhr
ritt ich von loueche ab, auf einem sehr beschwerlichen steinigten Wege, wo
mir mein Pferd auch einmahl fiel, außerordentlich steil bald bergauf, bald
wieder herab, dabey aber eine schöne, wild-romantische natur voll üppiger
vegetation, es ging meistens durch Wälder und über Alpenwiesen, und spä-
ter auch am Abhange von wilden tiefen schluchten, welche mich an stel-
len der gotthardstraße erinnerten. da man nun an einer fahrstraße nach
den Bädern baut, so fand ich hin und wieder Arbeiter mit der sprengung
von minen beschäftigt, davon einige zu meinem großen mißvergnügen bey-
nahe unter meiner nase losgebrannt wurden. der letzte theil der ganzen, 3
stunden langen, reise ging über die Alpenwiesen des hochlandes, wozu die
leuker-Bäder gehören, daselbst kam ich mit sinkender nacht an und stieg
im hôtel de france bey mad. Bentin ab, that mir mit Wasser, schwamm
und rasirmesser gütlich, labte mich durch ein gutes essen und ging dann
in den salon, Zeitungen zu lesen. da fand ich ganz unverhofft gilbert Porro,
welcher hier die Bäder braucht und mich der lionne des salons des hôtel
de france, mad. de gérancourt vorstellte.
ich fand in loueche eine kleine colonie franzosen, lustig und immer be-
müht sich zu amusiren, wie alle franzosen sind, und Alles dieses gruppirte
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien