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Tagebücher408
an einem tische, natürlich als stumme nachbarinnen. unter diesen um-
ständen war an ein längeres Bleiben nicht wohl zu denken. doch verließ ich
ungern interlaken und seine herrliche gegend, one of the brightest spots in
the creation.
heute früh 11 uhr fuhr ich also ab, mit dem dampfschiffe nach Bri-
enz bey trübem ungewissen Wetter, in Brienz aß ich nur etwas Weniges
und fuhr dann mit einem ächt schweizerischen char-à-banc ungefähr 1/2
stunde auf dem Wege nach meyringen weiter. dort ließ dann der kutscher
Wagen und geschirr mitten auf der straße stehen, sattelte das Wagen-
pferd, auf welchem ich nunmehr meine Ascension auf den Brünig machte.
der Weg führt ungefähr eine stunde lang hinauf und dann 1 1/2 stunden
hinab bis lungern, steinig und schlecht, mitunter auch sehr steil, so daß
ich öfters auf den rath meines führers absitzen und zu fuße gehen mußte,
sonst aber weder gefahren noch grandiose hochalpenszenen, sondern eine
angenehme freundliche gegend wie ein großer Park, meistens durch Wald
und dickicht, auf der einen seite mit der herabsicht ins meyringer, auf
der andern ins lungerer thal. in lungern angekommen, nahm ich einen
Wagen und fuhr längs dem lungern- und sarner-see über sarnen, sach-
seln und Alpnach in 3–4 stunden hieher, die gegend war der des Brünig’s
ziemlich ähnlich und manchmal sogar ein wenig monoton. hier fand ich am
see einen recht guten gasthof und ein sehr unterhaltendes fremdenbuch,
in welchem unter andern eine ganze Polemik über die nachlässigkeit des
Wirthes im sich-rasieren und über die haube der Wirthin geführt wird
(ächt englische Bemerkungen). der Wirt selbst, ein alter mann, machte mir
einen langen Besuch und sprach viel von politischen dingen, besonders von
der Aargauer klostersache, welche ihm, als eifrigen katholiken, sehr am
herzen zu liegen scheint.1 er meinte, nur die intervention von frankreich
und oesterreich, gestützt auf eine Armee von 50.000 mann, könne diese
frage auf eine befriedigende Weise lösen.
Also espartero ist gefallen und die unerklärlichste grund- und gehalt-
loseste aller revolutionen hat gesiegt! Was aber wird nun geschehen? die
momentan koalisirt gewesenen Partheyen zerfallen schon jetzt in blutigem
1 eine Anfang Jänner 1841 verabschiedete verfassungsreform gab dem großen rat des
kantons Aargau eine – dem verhältnis der Bevölkerung entsprechende – protestantische
mehrheit, während zuvor beide konfessionen paritätisch vertreten waren. nachdem ein
darauf ausgebrochener katholischer Aufstand niedergeschlagen wurde, hob der große rat
die acht klöster des kantons auf, was jedoch im Widerspruch zur klostergarantie des eid-
genössischen Bundesvertrags von 1815 stand. die tagsatzung (das Bundesparlament) be-
schloss ende August 1843 die Wiederherstellung der vier frauenklöster, während die Auf-
hebung der männerklöster gegen den Widerstand der katholischen kantone, dem späteren
sonderbund, sanktioniert wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien