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September 1843
recensenten so beschaffen sind, aber ich habe hier wie in mehreren andern
Beurtheilungen ein absichtliches mißverstehen und verdrehen des wahren
sinnes und Ausdrucks gefunden. den leuten ist es nicht um Wahrheit zu
thun, sondern darum, ihr geld zu verdienen und die Befehle ihres lohn-
herrn zu erfüllen. nous avons fait divorce avec la vérité, wie mir Blacas
einstmahls sagte.
Die beste der ungünstigen Recensionen, und deßhalb auch die empfind-
lichste, die mir zu gesichte gekommen, war ohne Zweifel die in der deut-
schen Allgemeinen Zeitung.1 Aber auch sie legte dinge, Ansichten und
meinungen unter, welche nie gesagt, nie gedacht worden waren. übrigens
sagte mir gestern ein Buchhändler ganz zuversichtlich, herr v. radowitz
hätte ihm versichert, der verfasser sey graf Bouquoy in Böhmen.
dresden 3. september Abends
Am selben tage, an dem ich obiges schrieb, am 31. vorigen monats, fand ich
noch im hôtel de russie einige russische herren und damen, mestchersky
und gagarin, die ich von Baden her kannte und die mir die neuesten ge-
schichten von da erzählten, nähmlich daß Arthur Bathiany sich beynahe
den Hals gebrochen hätte, Toni Szapary begleitete die Gräfin Woronzoff bey
ihrer Abreise zu Pferde noch eine gute strecke über strassburg hinaus, also
gegen 8 stunden, etc.
Abends 1/2 10 uhr fuhr ich ab, drey große eilwägen, 25 Personen, ich
sehr bequem im cabriolet, es ging über hanau, bis wohin ich den Weg be-
reits kannte, und dann, soviel ich davon sah, durch ein langweiliges land
und die elenden kurhessischen straßen nach fulda, wo wir morgens 7 uhr
ankamen und frühstückten. es ist da ein schöner Platz mit Baumalleen
und einer schönen kirche, sonst aber scheint fulda ein häßliches nest.
das land blieb auch nachher langweilig, öd, schlecht bebaut, und wie es
schien, ebenso schlecht bevölkert, kein Baum, selten ein dorf, schlecht an-
gelegte und erhaltene straßen, dazu ein nebliges herbstwetter, kurz es war
eine sehr ennuyante fahrt. um 12 uhr wurde gegessen zu Buttlar an der
Weimar’schen grenze, und von da an ward die gegend schöner, bis gegen
eisenach zu, wo sie ein wahrer garten wird. es läßt sich kaum etwas schö-
neres, freundlicheres denken als diese gegend, dicht vor eisenach fuhren
wir an der Wartburg vorüber. das hügelland und daher beständige hin-
auf- und herabfahren aber dauert fort. gegen 8 uhr waren wir in gotha,
welches sich mit seinen schönen Pappel-Alleen in den straßen der stadt
äußerst lieblich und ganz wie ein Badeort ausnimmt, und um 11 in der
preußischen festung erfurt. von da aber ging unser leid an. denn hier
1 vgl. dazu eintrag v. 3.7.1843.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien