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September 1843
hamburg 29. september
diese reise von Berlin hieher dauerte zu meinem großen verdruße um
einen tag länger als ich gedacht hatte. man hatte mir gesagt, daß die
dampfschiffe von magdeburg bis hamburg in einem tage führen, statt
dessen aber fahren sie in bester fahrt 20–24, und bey dem jetzigen nied-
rigen Wasserstande fuhren wir 36 stunden. Zum glücke fand sich eine
recht angenehme gesellschaft auf dem dampfboote (stadt hamburg) zu-
sammen: 2 Brüder Barons Geyer, preußische Cavallerie-Offiziere, welche
zu den manœuvers nach lüneburg reisten, ein englischer general graf
Been tinck1 und der erste stallmeister des königs von Preußen, welche Alle,
letzterer mit 6 reitpferden, ebendahin gingen, dann war ein junger Wiener,
schwarz v. mohrenstern mit seiner hübschen frau, weiters ein Prediger an
der irrenanstalt und zugleich vorstand eines Blinden-instituts in halle,
endlich ein herr aus stettin, dessen nahmen und stand ich nicht weiß,
der aber mein schlafkamerad war, das waren die leute, mit denen ich am
meisten war, und obwohl es bis wenige stunden vor hamburg fast unauf-
hörlich regnete und stürmte, so verging mir die Zeit (welche ich also ganz
in der cajüte zubrachte) doch unter Whist- und schachspielen, essen etc.
ziemlich schnell. Wir fuhren alle Augenblicke auf eine sandbank auf, die
mit jedem tage lage und richtung wechseln, was die elbe-schifffahrt so
schwer macht. die nacht mußten wir stille liegen, und am frühen morgen
fuhren wir mit einem segelschiffe zusammen, jedoch ohne großen schaden.
vorgestern um 7 uhr morgens waren wir aufs schiff gekommen, und ge-
stern gegen 7 Abends waren wir hier.
Die Elbeufer sind langweilig, flach und todt, erst im Lauenburg’schen
wird die gegend etwas freundlicher, und die letzten meilen vor hamburg
sind dann wegen der großen Breite des stromes und der vielen landhäuser
zu beyden seiten interessant. übrigens spricht sich der nordische charak-
ter nicht nur in dem allgemeinen Anblicke der gegend aus, sondern läßt
sich leider auch in der Temperatur empfinden, denn es war schon unter-
wegs und ist nun hier doppelt kalt, und ich lasse heute mein Zimmer heit-
zen. vor 10 tagen in dux war die sonne noch beynahe lästig! überhaupt
denke ich oft an dux und wünsche, daß ich noch dort wäre.
hamburg 30. september 1843
schon lange ist meine geduld und mein humor auf keine solche Probe ge-
setzt worden wie in diesen tagen, seit ich in hamburg bin. gestern war es
heiter, jedoch so infam kalt, daß das thermometer bis auf 1° r. fiel und ich
1 richtig Bentinck. sowohl karl Anton (charles Anthony) wie auch sein jüngerer Bruder
hendrik Willem (henry William) graf Bentinck waren generäle in der britischen Armee.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien