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Oktober 1843
ziemlich mein fall. die tage verstreichen mir unendlich schnell, obwohl
ich bisher noch fast keine bekannte seele gesehen habe. doch war ich letzt-
hin bey Apponyi und esse heute dort, worüber ich nicht besonders erfreut
bin, da es eine ganz unnütze corvée ist. übrigens ist ein großer theil der
Bekannten, die ich hier zu finden hoffte, und an denen mir wirklich etwas
gelegen gewesen wäre, nicht hier. franz lützow ist noch nicht da, auf ihn
hatte ich besonders gerechnet, meyendorf ist in rußland und seine frau
auf dem lande, das thut mir leid, Woronzow, narischkin und einige andere
Bekannte aus BadenBaden sind da, so auch die langweiligen Borromeo aus
mailand, die ich gestern von weitem sah, ihnen aber wohlweislich aus dem
Wege ging. smith d’ergay, meinen guten freund aus interlaken 1839, hätte
ich gerne gesehen, doch wohnt er nicht mehr rue des champs elysées, und
wie ihn ausfindig machen? Einige andere Bekannte, namentlich vom diplo-
matischen corps, z.B. Andlau,1 drachenfels etc. sah ich von ferne, fühle
aber keinen Beruf sie aufzusuchen, theils weil es nun nicht mehr der mühe
lohnt, theils weil sie mir doch keine besondern Agréments machen könnten,
doch würde ich gerne Jemand gefunden haben, der schon lange genug hier
ist, um mich in die mystéres de Paris einzuweihen, obwohl dazu kaum die
Zeit vorhanden seyn dürfte. mittlerweilen vergehen mir, wie gesagt, die
tage erstaunlich schnell. seit ich zuletzt in dieß Journal schrieb, habe ich
gesehen: die Kirchen S. Germain l’Auxerrois, deren Façade gothisch und
sehr schön ist, Notre Dame, wo ebenfalls die Façade schöner als das Innere
ist, notredame de lorette, von wo die lorettis ihren nahmen haben, eine
charmante kleine kirche, die aber eher einem Boudoir ähnlich sieht mit
ihren lampes carcel, vergoldeten kanzeltreppen, Weihwassermuscheln
etc., dann die ziemlich armseligen champs elysées, den Arc de l’Ètoile, den
schönen großen Bois de Boulogne, den chemin de la révolte, wo im vorigen
Jahre der herzog von orléans seinen tod fand, und die geschmacklose,
niedrige todtenkapelle, die der könig an der stelle, wo das haus stand,
wo er starb, errichten ließ,2 und deren concierge der eigenthümer jenes
nun abgetragenen hauses ist, die statue heinrichs 4. auf dem Pontneuf,
die depoutirtenkammer, ein superbes gebäude im antiken style, und der
sitzungssaal, schön aber klein, die namen der deputirten stehen auf ih-
ren sitzen, dann die schönen Palläste des beaux Arts (kunstschule), de la
monnaie und de l’institut, die runde tempelförmige halle aux Blés und die
grande halle auf dem marché des innocens, die siegessäule auf der place
1 richtig der badische diplomat franz Xaver Andlaw-Birseck. Andrian kannte ihn aus seiner
Zeit als geschäftsträger in Wien (1826–1839).
2 der französische thronfolger ferdinand Philippe herzog v. orleans war am 13.7.1842 ge-
storben. er war, nachdem die Pferde durchgingen, aus einer kutsche abgesprungen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien