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Tagebücher462
ich ging dann in der stadt herum, mir die merkwürdigkeiten turin’s an-
zusehen, es gibt mehrere schöne Palläste, der Palazzo carignan, worin das
museum und das ägyptische cabinet (das reichhaltigste in europa), welche
ich sah, der Palazzo madama, worin die Bildergallerie, und der königliche
Pallast, in welchem eine hübsche Waffensammlung seyn soll, welche beyde
ich aber nicht sah. dagegen sah ich die berühmte reiterstatue emanuel
Philiberts auf der Piazza s. carlo, die Promenade valentino an den ufern
des Po, die schöne rotonde bey der Porta Po und von weitem die superga,
eine schöne kirche auf einem hohen hügel außerhalb der stadt, von wo
man eine magnifique Aussicht haben soll. Überhaupt ist die Umgegend Tu-
rins magnifique. Die ganze Kette von den Alpi Marittime bis zum Monte
rosa liegt vor einem da.
ich traf auf der straße eine mailänder Bekannte, die hübsche kleine Bus-
sola aus der tanzschule der scala, welche nun hier als erste tänzerinn
engagirt ist, sie klagte mir in aller eile und in ächtem theaterstyle über die
cabalen und verfolgungen, denen sie von seiten des Balletcompositeurs
und ihrer kameradinn grancini, auch einer mailänder Bekannten von mir,
ausgesetzt sey, wollte ich solle sie besuchen, morgen noch da bleiben, um
sie zu sehen etc.
um 1/2 6 aß ich bei schwarzenberg mit thun, giorgieri und noch einem
herrn von der gesandtschaft, dessen nahmen ich nicht weiß, wir hatten
ein vortreffliches Diner.
so eben lese ich im galignanis messenger vom 31. eine sonderbare ge-
schichte. der hannöversche major v. meyerinck, mit dem ich von Antwer-
pen nach mecheln fuhr und den ich dann in Brüssel wieder sah, war ein
Aventurier und aus dem Strafhause zu Aachen entsprungener Sträfling
namens masser, und wurde als solcher so eben in gent arrêtirt, nachdem
er dort unter dem nahmen mr. Bedgood in der besten gesellschaft empfan-
gen worden war und sich von mehrern leuten hatte geld borgen lassen.
mir war der masser von allem Anfange an unangenehm und zweydeutig
vorgekommen, doch hätte ich das nicht vermuthet, besonders da er mir von
vielen Bekannten, Walmoden, kielmansegge und besonders von malzahn,
dessen vetter er zu seyn behauptete, so genaue détails zu geben wußte.
mailand 6. november Abends
meine reise hieher ging ohne unfall von statten. die Brücke über die sesia
war kurz vorher wieder hergestellt worden, und so fuhren wir ohne anderen
Aufenthalt als den uns die schlechten Wege, die noch schlechteren Postil-
lons (besonders in der lombardie), das Wechseln des Wagens in novara
und die bekannte langsamkeit der österreichischen grenzbeamten verur-
sachten, bis hieher, wo wir gegen 10 uhr morgens gestern ankamen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien