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Februar 1844
würdig, kindlich heiter, gutmüthig, gemüthlich, und scheint mich wirklich
aufrichtig zu lieben. dagegen ist sie ziemlich launisch, heftig und besonders
herrschsüchtig, und da haben wir dann alle Augenblicke unsern kleinen
Zank, welcher mich übrigens immer sehr amusirt. kurz, mein kopf dreht
sich wie ein Wirbelwind, und das ding wird alle tage schlimmer.
ich war in der vergangenen Woche 4–5 tage an geschwollenen halsdrü-
sen krank und mußte das Bett und dann das Zimmer hüten. da waren wir
denn in einer sehr lebhaften correspondenz, und sie besuchte mich sogar
incognito. leider war es gerade in diesen tagen, daß sie einen höchst un-
angenehmen Auftritt auf offener straße mit merelli hatte, welcher ihr in
seiner groben manier einen pas de caractère, welchen sie tanzen wollte,
unter dem vorwande verboth, fanny elssler habe sich alle solche pas vor-
behalten. lucile, nervös wie sie ist, mußte sich gleich legen und ist noch
immer unwohl und aufgeregt seit jener geschichte, welche bald ernstliche
folge gehabt hätte, da sie in ihrem unterleibe revolutionen hervorbrachte.
voilá le secret. da mußte ich dann einschreiten (d.h. nicht in den unter-
leib), Pachta zu mir zitiren etc. Auch Walmoden kam in Bewegung, kurz
wir arrangirten eine Art mezzo termine, unglücklicherweise bestand aber
lucile auf ihrem pas, und so stehen die sachen noch, das ist ein wahres
Wespennest. übrigens hat fanny elssler ihre letzten minen springen las-
sen, d.i. die cachucha, und förmlich fiasco gemacht, dagegen gefällt das di-
vertissement, das sie nun statt der Armida gibt, und besonders ein pas, den
sie darin tanzt. lucile aber gefällt täglich mehr, und wenn sie sich ihr spiel
nicht durch ihre caprices selbst verdirbt und merelli ihr keinen streich
spielt, so bin ich überzeugt, daß sie einen completen sieg über die elssler
davontragen wird.
die arme erzherzoginn marie ist gestorben, gestern kam die nachricht
hier an – armes mädchen! – mich hat dieser tod sehr frappirt. näheres weiß
ich nicht, nicht, ob gabrielle in den letzten tagen nach Wien gerufen wurde,
nicht, ob der hof nun zurückkehren wird.
resi spaur ist nun erklärte Braut von Arthur Pallavicini, seit Jahren
schwatzten die spatzen auf den dächern davon, und ich bin recht froh, daß
es endlich einmahl dazu gekommen ist, und glaube auch, mein scherflein
dazu beygetragen zu haben.
[mailand] 8. februar
es geht so fort, schlecht und recht ohne besondere Aufregung, wie ohne eine
specielle unannehmlichkeit, aber mich verläßt diese eigenthümliche stim-
mung nie, es ist die überzeugung, daß diese meine jetzige existenz nicht
mehr lange dauern kann, und die ungewißheit, wie und in was sie ausmün-
den werde, ersteres freut mich, dieses macht mir auf Augenblicke bange.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien