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Tagebücher472
ich bin mein lebtag kein krakeler gewesen und bin immer allen Anläs-
sen zu händeln sovielmöglich aus dem Wege gegangen, aus einer Art von
trägheit des charakters, und weil ich seit jeher Alles was einer szene, ei-
nem theatralischen Auftritte ähnlich sah, verabscheut habe. und nun in
diesen letzten tagen war ich zwey mahl eifrigst bemüht, ganz geringfügige
geschichten zur duellhöhe auszuspinnen, die eine mit lotzbeck, welchem
ich einen nach meiner gewohnheit kurz stylisirten Zettel geschrieben hatte,
die andere mit Pergen wegen einer barschen Antwort, die er mir auf einen
gutgemeinten scherz gab. ich war ordentlich désappointirt, als ersterer ein-
sah, daß ich ihn durchaus nicht hatte beleidigen wollen, und Pergen sich we-
gen seiner Ausdrücke bey mir entschuldigte. ein duell wäre mir gerade jetzt
sehr gelegen gekommen, sollte man denken, daß ich mit 30 Jahren in dieses
burschikose stadium treten würde.
lucile führt mich wie ein kind oder eigentlich wie einen leibeigenen. sie
will alle tage etwas Anderes, und jeder tag hat seinen sturm, natürlich sind
es immer theatergeschichten, dabey ist sie aber nie so hübsch, nie so geist-
reich und beredt, als wenn sie mir in der höhe ihrer leidenschaft vordekla-
mirt. dieses amusirt mich dann ganz ausnehmend und regt mich nun schon
weniger auf als früher, piquant aber ist sie im höchsten grade, nun ist auch
seit ein Paar tagen rosenfarber sonnenschein seit ihrer versöhnung mit me-
relli, die ich beynahe gewaltsam herbeyführte, jedoch auf ihren Wunsch, in-
dem ich ihn kurzweg beym Arme nahm und ihn mit physischer gewalt zu
lucile ins foyer schleppte, und dort eine rührende versöhnungs-scene her-
beyführte. sie wird nun nächstens ihren pas tanzen, dann bekömmt sie, so
versprach ihr und mir merelli hoch und theuer, ein neues Ballett etc. indessen
wird sie vom Publicum immer vortrefflich aufgenommen, ganz so wie fanny
elssler, obwohl sie seit 26. dezember fort und fort dasselbe tanzt, und diese
seit 13. Jänner nun schon 3mal gewechselt hat und nun in einem anderen spa-
nischen tanze: la castillana (denn die cachucha machte förmlich fiasco und
mußte weggelassen werden) außerordentlich gefällt. merelli hatte aber wirk-
lich gegen die arme lucile eine förmliche verfolgung organisirt, wir wollen
hoffen, daß dieses nun zu ende seyn wird. Auf der andern seite trägt sie aber
auch einige schuld, denn sie hat durch ihre capricen und ihr hochfahrendes
Benehmen sich viele leute zu feinden gemacht, und selbst gegen ihre besten
freunde hat sie ein heimlichthun, welches sehr unpassend ist. ich bin der
einzige, der noch etwas über sie vermag, aber auch der, gegen welchen die
ersten Ausbrüche ihrer leidenschaft gehen, und zwar der allerheftigsten Art,
dann thut es ihr freylich leid, mich aber ergötzen dergleichen szenen, obwol
ich weit entfernt bin sie herbeyzuwünschen, und ich mache bey ihr eine neue
und lehrreiche schule in der kenntniß des weiblichen herzens durch. ist dieß
doch eine Abwechslung und bringt etwas farbe in mein eintöniges leben.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien