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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 472 -
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Tagebücher472 ich bin mein lebtag kein krakeler gewesen und bin immer allen Anläs- sen zu händeln sovielmöglich aus dem Wege gegangen, aus einer Art von trägheit des charakters, und weil ich seit jeher Alles was einer szene, ei- nem theatralischen Auftritte ähnlich sah, verabscheut habe. und nun in diesen letzten tagen war ich zwey mahl eifrigst bemüht, ganz geringfügige geschichten zur duellhöhe auszuspinnen, die eine mit lotzbeck, welchem ich einen nach meiner gewohnheit kurz stylisirten Zettel geschrieben hatte, die andere mit Pergen wegen einer barschen Antwort, die er mir auf einen gutgemeinten scherz gab. ich war ordentlich désappointirt, als ersterer ein- sah, daß ich ihn durchaus nicht hatte beleidigen wollen, und Pergen sich we- gen seiner Ausdrücke bey mir entschuldigte. ein duell wäre mir gerade jetzt sehr gelegen gekommen, sollte man denken, daß ich mit 30 Jahren in dieses burschikose stadium treten würde. lucile führt mich wie ein kind oder eigentlich wie einen leibeigenen. sie will alle tage etwas Anderes, und jeder tag hat seinen sturm, natürlich sind es immer theatergeschichten, dabey ist sie aber nie so hübsch, nie so geist- reich und beredt, als wenn sie mir in der höhe ihrer leidenschaft vordekla- mirt. dieses amusirt mich dann ganz ausnehmend und regt mich nun schon weniger auf als früher, piquant aber ist sie im höchsten grade, nun ist auch seit ein Paar tagen rosenfarber sonnenschein seit ihrer versöhnung mit me- relli, die ich beynahe gewaltsam herbeyführte, jedoch auf ihren Wunsch, in- dem ich ihn kurzweg beym Arme nahm und ihn mit physischer gewalt zu lucile ins foyer schleppte, und dort eine rührende versöhnungs-scene her- beyführte. sie wird nun nächstens ihren pas tanzen, dann bekömmt sie, so versprach ihr und mir merelli hoch und theuer, ein neues Ballett etc. indessen wird sie vom Publicum immer vortrefflich aufgenommen, ganz so wie fanny elssler, obwohl sie seit 26. dezember fort und fort dasselbe tanzt, und diese seit 13. Jänner nun schon 3mal gewechselt hat und nun in einem anderen spa- nischen tanze: la castillana (denn die cachucha machte förmlich fiasco und mußte weggelassen werden) außerordentlich gefällt. merelli hatte aber wirk- lich gegen die arme lucile eine förmliche verfolgung organisirt, wir wollen hoffen, daß dieses nun zu ende seyn wird. Auf der andern seite trägt sie aber auch einige schuld, denn sie hat durch ihre capricen und ihr hochfahrendes Benehmen sich viele leute zu feinden gemacht, und selbst gegen ihre besten freunde hat sie ein heimlichthun, welches sehr unpassend ist. ich bin der einzige, der noch etwas über sie vermag, aber auch der, gegen welchen die ersten Ausbrüche ihrer leidenschaft gehen, und zwar der allerheftigsten Art, dann thut es ihr freylich leid, mich aber ergötzen dergleichen szenen, obwol ich weit entfernt bin sie herbeyzuwünschen, und ich mache bey ihr eine neue und lehrreiche schule in der kenntniß des weiblichen herzens durch. ist dieß doch eine Abwechslung und bringt etwas farbe in mein eintöniges leben.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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