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Tagebücher480
und heirathscandidat larochefoucauld aus versailles, wo er husarenoffi-
zier ist, hier angekommen, um mit ihr bis ostende zu fahren und Anfangs
April wieder in seiner garnison zu seyn. das ist ein Beweis von liebe, vor
welchem ich die segel streichen muß, ich habe ihm mit bewundernswerthem
großmuth die honneurs von mailand gemacht, ihn in die cavalleriecaserne
geführt, wo ihm mensdorf eine kleine Produktion auf der reitschule veran-
staltete etc., es scheint ein ganz guter junger mensch [zu sein], der ziemlich
stark nach der garnison riecht.
ich aber gehe morgen auf einige tage nach venedig und freue mich, diese
liebe stadt, gabrielle und meine dortigen Bekannten wieder einmahl zu se-
hen.
lucile hatte in diesen letzten tagen viel triumph, Blumen, kränze etc.,
zu denen wie natürlich auch ich mein scherflein beytrug. Besondere ereig-
nisse gab es übrigens in casa grahn in diesen letzten tagen nicht, ausge-
nommen daß wir in der vorigen Woche eine course nach como in meinem
Wagen machen wollten, die im letzten Augenblicke unterblieb, weil sie dar-
auf bestand, ihre mutter mit sich zu nehmen.
sonst brachte ich meine meisten Abende bey Berchtold zu, wo mich jedoch
der beständige theaterdiskurs und die discussionen darüber ennuyirten,
und die prima sera oft bey mathilde schwarzenberg und, sooft lucile nicht
tanzte, bey ihr, mit Ausnahme von ein paar Abenden, an denen wir ins thea-
ter gingen.
mailand 4. April
heute früh bin ich von venedig zurück gekommen, wo ich acht recht ange-
nehme tage zubrachte. ich fuhr am 25. Abends von hier ab und war am 27.
sehr früh in venedig, welches ich vorgestern Abend 8 uhr wieder verließ.
mit geringer unterbrechung hatte ich die ganze Zeit über gutes Wetter, und
mir lachte das herz im leibe, als ich meinen geliebten marcus Platz wieder
sah. dießmal sah ich ihn auch zuerst mit gas erleuchtet, und so brillant
dieses auch ist, so war mir doch im ersten Augenblicke fast leid um die spär-
liche doch poëtischere Beleuchtung, wie sie vordem war, und neben der der
mondschein doch auch noch aufkommen konnte. ich wohnte in der europa,
war aber dießmahl mit dem gasthofe ziemlich unzufrieden.
die leute fand ich so freundlich und erfreut mich zu sehen wie immer.
venedig ist einer der sehr wenigen orte, wo man nichts als frohe gesichter
und ein heiteres entgegenkommen findet, und wie wohl thut dieses zumal
Jemandem, der aus mailand kömmt!
Besonders viel war ich außer bey gabrielle, welche ich heiter und wohl
fand, mit Palfy’s und hildtprandt’s, mit denen beyden auch sie beständig ist,
besonders gefiel mir sophie Palfy, die ich seit langen Jahren nicht gesehen,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien