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April 1844
ganz ausnehmend wohl. da eben kein theater, denn die carnevalssaison
hat wie in mailand geendet und die frühjahrs-stagione fängt erst am 8. als
dem ostermontage an, noch sonstige besondere gesellschaftsspäße waren,
so brachte ich fast alle meine Abende bey Palfys zu, en petit comité, beste-
hend aus sophie Palfy, den 3 hofdamen, fürstinn Jablonowsky, valérie Zi-
chy, Jane Pallavicini, unter denen ich meistens hahn im korbe war, da die
andern herrn spielten. doch unterhielt ich mich da recht gut, und das ganze
kam mir wie ein traulicher gemüthlicher familienzirkel vor, und der ein-
druck war mir ungewohnt. einige mahle machte ich auch größere soiréen
der venetianerwelt mit: bey thurn, Palfy, galvagna etc. resi thurn ist ab-
sorbirt von ihrer lächerlichen leidenschaft zu erzherzog friedrich, welche
ihre eltern noch lächerlicher unterstützen. siga Zichy erhielt mich die ganze
Zeit in einem Zustande fortwährenden erstaunens, denn er ist seit seiner
heirath beynahe ein praesentabler mensch geworden, liebt die gute gesell-
schaft, ist in ihr nicht verlegen, hat ein charmantes haus und gibt excellente
diners, an einem derselben aß ich mit Zedlitz und reviczky, dessen frau
leider in Wien ist. ich mußte nothgedrungen zu beyden erzherzogen gehen,
d.h. zum vicekönig und zu friedrich, welcher letztere, besonders seit seiner
liebeley mit resi, eine bedeutende schliffelnatur entfaltet.
moering, aus Amerika zurückgekommen,1 ist bey den söhnen des erzher-
zog rainer als lehrer in der mathematik. hugo nostitz kam, während ich
in venedig war, aus dem oriente zurück, eine menge Bekannte aus fernen
landen fanden sich da zusammen, unter andern die schöne rosa Bonis, noch
immer sehr schön, obwohl etwas stark geworden, dagegen liebenswürdiger
und amusanter als sie es sonst gewesen. dazu das schöne, nie genug geprie-
sene venedig und das herrliche Wetter. kurz diese letzten acht tage waren
sehr, sehr angenehm, und ich hätte ihnen gerne noch acht andere hinzuge-
fügt.
in einer anderen Beziehung jedoch waren es trübe tage, und zum ersten
mahle in meinem leben sah ich venedig in einer Art von politischer Praeoc-
cupation, zwey söhne des Admirals Bandiera, beyde seeoffiziere, der eine
Adjutant seines vaters, der andere des Admirals Paulucci, sind von venedig
und aus der levante verschwunden und nach malta zu den italienischen
flüchtlingen gegangen, welche dort eben in großer Anzahl versammelt sind
und einen hauptstreich projectiren,2 in cosenza (calabrien) ist ein solcher
1 karl moering hatte während einer längeren nordamerikareise u.a. im Auftrag erzherzog
Johanns das dortige eisenbahnsystem studiert.
2 die beiden söhne von kontreadmiral frh. francesco v. Bandiera, Attilio (geb. 1810) und
emilio (geb. 1819) wurden nach ihrer gefangennahme am 25.7.1844 in cosenza hingerich-
tet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien