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Dezember 1844
bey der diplomatie zu erhalten. Auch Bombelles zog sich aus dem spiele
und meinte, wegen Brasilien wäre es etwas Anderes gewesen, denn dahin
hätten sich nicht viele competenten gemeldet, einen anderen Posten zu
erlangen, würde aber für einen in der carrière noch fremden weit schwe-
rer seyn, und er seinerseits würde sich, wenn er mich hierin unterstützen
wollte, nur feinde unter seinen ehemaligen dienstescameraden machen.
ich gab sonach diese idee ganz auf, um sie auf bessere Zeiten aufzube-
wahren, und dachte nun daran, von meiner gegenwärtigen provisorischen
verwendung einen vortheil zu ziehen, und fand da allerseits, mit einziger
Ausnahme des Präsidialsekretärs des grafen inzaghy, regierungsrathes
Böhm, wie denn überhaupt dieses Bureaugesindel immer das untraitabel-
ste ist, das freundlichste entgegenkommen, besonders bey graf kolowrat,
welcher an meiner jetzigen precairen stellung einen besondern Antheil zu
nehmen scheint, so daß ich beynahe vermuthe, daß seine Abneigung gegen
fürst metternich im spiele sey. ich hoffe somit bald hofsecretair bey der
hofkanzley zu werden.
im ganzen bin ich über diese entwickelung nicht böse, unter den jetzigen
umständen hätte ich in der diplomatie mit manchen schwierigkeiten zu
kämpfen gehabt und manchem, der an Jahren jünger, in der carrière aber
älter ist als ich, nachstehen müssen, gerade unter unsern diplomatischen
notabilitäten besitze ich nebstdem gegenwärtig wenig oder gar keine ver-
bindungen, und diese sind doch eben in diesem Zeitpunkte entscheidender
als je. ich sehe zwar ein, daß keine andere carrière für mich erträglich und
nur halbwegs zusagend ist als die diplomatische, aber wenigstens bleibe
ich nun hier in Wien an der Quelle und kann günstigere constellationen
abwarten, welche hoffentlich doch auch für mich eintreten werden.
sonst lebe ich ziemlich einförmig fort. die eigentliche saison hat noch
nicht begonnen und wird mich auch wahrscheinlich wenig beschäftigen,
ich finde, daß es jetzt hier weniger der Mühe lohnt als jemals, sich der hie-
sigen gesellschaft wegen en frais zu setzen. das ganze hiesige treiben ist
unglaublich beschränkt und kleinstädtisch, und doch wieder fatigant.
es regnet nunmehr ernennungen und veränderungen aller Art, beson-
ders in der ungarischen verwaltung: Josika ist siebenbürgischer kanzler,
georges Appony ungarischer vicekanzler geworden, victor mesznil wurde
eclatant entlassen,1 und so will sich die regierung courage machen, nun
da der landtag, ihr schranken, entlassen ist. Auch wird viel von energi-
scheren maaßregeln gesprochen, welche man in ungarn ergreifen will, par-
turiunt montes, nascitur ridiculus mus. erzherzog ludwig und fürst met-
1 im staatshandbuch lässt sich lediglich ein frh. Anton v. mesznil, konzipist an der ungari-
schen hofkanzlei, nachweisen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien