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Jänner 1845
[Wien] 26. Jänner 1845
es ist nicht viel zu berichten über das leben, welches ich führe. die Wiener
Welt ist dieselbe, wie sie seit 12 Jahren war, seit ich sie kenne, nur ist sie
langweiliger geworden, sehr klein und kleinstädtisch, mehr ein familien-
zirkel von honnetten, jedoch etwas bornirten leuten als eine eigentliche
gesellschaft. die Banquierswelt, in welche ich dießmahl der Abwechslung
wegen einen Blick werfen wollte, ist auch nicht besser und hat noch dazu
das unangenehme und unsichere von leuten, die mit dem nicht zufrie-
den, was sie sind, Andere kopieren wollen. überhaupt aber fehlen hier alle
elemente eines angenehmen umganges: fremde, Wechsel, verbindung mit
dem Auslande und stoff zur conversation. Wien ist keine Weltstadt, nicht
einmahl eine große stadt.
dennoch gibt es jetzt im fasching der Bälle und besonders der diners
genug. heute ist Ball bey schwarzenberg, welcher hier das ist, was der Ball
cicogna in mailand, wovon man das ganze Jahr über spricht. morgen ist
Ball beym englischen Bothschafter, wenn der herzog von coburg bis dahin
nicht stirbt, denn er ist sehr krank.1 Bisher waren mehrere hof- und kam-
merbälle, Picknicks, Bälle beym preußischen gesandten, bey esterhazy etc.
ich tanze nicht mehr und wundere mich, wie trotz der herrlichen musik
mich so gar keine lust mehr dazu anwandelt.
nach und nach habe ich nun so ziemlich die ganze hiesige Welt wieder
gesehen und meine alten theils oberflächlichen, theils näheren Bekannt-
schaften wieder erneuert, ohne besondere freude oder interesse, mit weni-
gen Ausnahmen, worunter ich hauptsächlich die ganze familie lobkowitz
zähle (Anna harrach und Zdenka Palfy vor allen), deren gute altbekannte
gesichter mir immer wahre freude machen. visiten mache ich eigentlich
sehr wenig, da ich weder Zeit noch lust dazu habe, doch sehe ich außer
jenen noch am häufigsten: Tettenborn, Palllavicini (Alphons und Gabri-
elle sind am lande, Arthur und resi gehen bald nach italien zurück, resi
ist schon im 4. Monathe schwanger), Gräfinn Valentin Esterhazy,2 caro-
line starhemberg, die neue hofdame Amade, eine der schönsten Personen
Wiens, der ich nicht übel lust hätte ein wenig den hof zu machen, ficquel-
mont etc.
die gute reviczky fange ich allmälig an ihrem schicksale zu überlassen,
ihre hohle sentimentale Affectation ennuyirt mich, und ich habe nach und
1 herzog ferdinand v. sachsen-coburg und gotha starb erst 1851. er lebte als pensionierter
österreichischer general in Wien und war mit der erbtochter des ungarischen fürsten
koháry verheiratet. er war ein onkel sowohl der britischen königin victoria wie auch ihres
gatten Prinz Albert.
2 Gräfin Maria Anna Esterházy, seit 1838 Witwe nach Graf Valentin, war die Mutter des
gleichnamigen gesandten in stockholm.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien