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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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50126. Jänner 1845 [Wien] 26. Jänner 1845 es ist nicht viel zu berichten über das leben, welches ich führe. die Wiener Welt ist dieselbe, wie sie seit 12 Jahren war, seit ich sie kenne, nur ist sie langweiliger geworden, sehr klein und kleinstädtisch, mehr ein familien- zirkel von honnetten, jedoch etwas bornirten leuten als eine eigentliche gesellschaft. die Banquierswelt, in welche ich dießmahl der Abwechslung wegen einen Blick werfen wollte, ist auch nicht besser und hat noch dazu das unangenehme und unsichere von leuten, die mit dem nicht zufrie- den, was sie sind, Andere kopieren wollen. überhaupt aber fehlen hier alle elemente eines angenehmen umganges: fremde, Wechsel, verbindung mit dem Auslande und stoff zur conversation. Wien ist keine Weltstadt, nicht einmahl eine große stadt. dennoch gibt es jetzt im fasching der Bälle und besonders der diners genug. heute ist Ball bey schwarzenberg, welcher hier das ist, was der Ball cicogna in mailand, wovon man das ganze Jahr über spricht. morgen ist Ball beym englischen Bothschafter, wenn der herzog von coburg bis dahin nicht stirbt, denn er ist sehr krank.1 Bisher waren mehrere hof- und kam- merbälle, Picknicks, Bälle beym preußischen gesandten, bey esterhazy etc. ich tanze nicht mehr und wundere mich, wie trotz der herrlichen musik mich so gar keine lust mehr dazu anwandelt. nach und nach habe ich nun so ziemlich die ganze hiesige Welt wieder gesehen und meine alten theils oberflächlichen, theils näheren Bekannt- schaften wieder erneuert, ohne besondere freude oder interesse, mit weni- gen Ausnahmen, worunter ich hauptsächlich die ganze familie lobkowitz zähle (Anna harrach und Zdenka Palfy vor allen), deren gute altbekannte gesichter mir immer wahre freude machen. visiten mache ich eigentlich sehr wenig, da ich weder Zeit noch lust dazu habe, doch sehe ich außer jenen noch am häufigsten: Tettenborn, Palllavicini (Alphons und Gabri- elle sind am lande, Arthur und resi gehen bald nach italien zurück, resi ist schon im 4. Monathe schwanger), Gräfinn Valentin Esterhazy,2 caro- line starhemberg, die neue hofdame Amade, eine der schönsten Personen Wiens, der ich nicht übel lust hätte ein wenig den hof zu machen, ficquel- mont etc. die gute reviczky fange ich allmälig an ihrem schicksale zu überlassen, ihre hohle sentimentale Affectation ennuyirt mich, und ich habe nach und 1 herzog ferdinand v. sachsen-coburg und gotha starb erst 1851. er lebte als pensionierter österreichischer general in Wien und war mit der erbtochter des ungarischen fürsten koháry verheiratet. er war ein onkel sowohl der britischen königin victoria wie auch ihres gatten Prinz Albert. 2 Gräfin Maria Anna Esterházy, seit 1838 Witwe nach Graf Valentin, war die Mutter des gleichnamigen gesandten in stockholm.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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