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Februar 1845
[Wien] 8. februar
ich habe mein lebtag kein leereres langweiligeres leben geführt als jetzt,
unsere sogenannte gute gesellschaft ennuyirt mich, sowie ich sie nur nen-
nen höre. Ich will jetzt sehen, ob ich in Wien doch ein Paar Menschen finden
kann, gegen die es sich der mühe lohnt den mund aufzuthun, denn auf mir
ruht eine bleyerne langeweile. das casino ist nun auch im flor, und da
wird alle tage regelmäßig dasselbe dumme Zeug gesprochen. die langwei-
ligsten unter den dummen aber sind die hier sogenannten großen geister,
die als zukünftige staatsmänner angestaunt werden, Josika, rudolph sta-
dion, toni szécsén etc. Auch fritz schwarzenberg, der unstreitig geist hat,
wird mit seinem religiösen, sentimentalen und peusodaristocratischen my-
sticismus unendlich langweilig. lato Wrbna sieht Alles aus der stock- und
Prügelperspektive, ein ächter soldat.
Amusant durch ihre namenlose dummheit und ihre gutmüthige selbst-
täuschung in dieser hinsicht, sowie durch ihre starken weißen schenkel ist
mir natalie Palffy, welche mich mit ihrer besonderen freundschaft beehrt.
übrigens bleibt mir von dem nun beendigten fasching keine weitere er-
innerung als an die redouten, die für mich wirklich eine große ressource,
mehr noch als in früheren Zeiten gewesen sind, freylich macht dabey die
illusion das meiste, so bildete ich mir z.B. durch 3 auf einander folgende
redouten ein, ich hätte eine intrigue mit der hübschen hofschauspielerinn
neumann, während es gott weiß was war. das thut aber nichts.
ein hauptereigniß dieses Winters war die eröffnung des odeons,1 ich
war selbst einmahl da und mußte dann leider noch einmal eine damenge-
sellschaft, frau von tettenborn cum suis hinführen und holte mir da durch
erkältung ein leichtes fieber ab, das mich die letzten faschingstage alle
Abende beutelte.
ich habe den berühmten nationalökonomen friedrich list, der schon
seit einigen monathen hier ist, kennen gelernt, er ist ganz so ein schwäbi-
scher reichsstädtischer radikaler, spricht sehr gut, viel verstand und die
Weltansicht eines weitgereisten mannes, aber die manieren schroff und ek-
kig und dabey viel von einem „kasperle“.
ein anderer lion des tages sind die kunstreiter im rothen hause,2
m. lejars und cuzent vom cirque franconi in Paris und besonders
mlle Pauline cuzent, welche charmant reitet. ich war neulich unter an-
dern mit Arthur und resi Pallavicini draußen. die stunde aber ist sehr
gênant, von 5 bis 7, denn wie hier Alles gunst und Privilegium ist, so
1 das odeon mit dem größten tanzsaal Wiens wurde am 8.1.1845 eröffnet. es brannte wäh-
rend des Wiener oktoberaufstands 1848 ab und wurde nicht mehr aufgebaut.
2 die esterházysche reitschule im roten haus im Alsergrund.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien