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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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5038. Februar 1845 [Wien] 8. februar ich habe mein lebtag kein leereres langweiligeres leben geführt als jetzt, unsere sogenannte gute gesellschaft ennuyirt mich, sowie ich sie nur nen- nen höre. Ich will jetzt sehen, ob ich in Wien doch ein Paar Menschen finden kann, gegen die es sich der mühe lohnt den mund aufzuthun, denn auf mir ruht eine bleyerne langeweile. das casino ist nun auch im flor, und da wird alle tage regelmäßig dasselbe dumme Zeug gesprochen. die langwei- ligsten unter den dummen aber sind die hier sogenannten großen geister, die als zukünftige staatsmänner angestaunt werden, Josika, rudolph sta- dion, toni szécsén etc. Auch fritz schwarzenberg, der unstreitig geist hat, wird mit seinem religiösen, sentimentalen und peusodaristocratischen my- sticismus unendlich langweilig. lato Wrbna sieht Alles aus der stock- und Prügelperspektive, ein ächter soldat. Amusant durch ihre namenlose dummheit und ihre gutmüthige selbst- täuschung in dieser hinsicht, sowie durch ihre starken weißen schenkel ist mir natalie Palffy, welche mich mit ihrer besonderen freundschaft beehrt. übrigens bleibt mir von dem nun beendigten fasching keine weitere er- innerung als an die redouten, die für mich wirklich eine große ressource, mehr noch als in früheren Zeiten gewesen sind, freylich macht dabey die illusion das meiste, so bildete ich mir z.B. durch 3 auf einander folgende redouten ein, ich hätte eine intrigue mit der hübschen hofschauspielerinn neumann, während es gott weiß was war. das thut aber nichts. ein hauptereigniß dieses Winters war die eröffnung des odeons,1 ich war selbst einmahl da und mußte dann leider noch einmal eine damenge- sellschaft, frau von tettenborn cum suis hinführen und holte mir da durch erkältung ein leichtes fieber ab, das mich die letzten faschingstage alle Abende beutelte. ich habe den berühmten nationalökonomen friedrich list, der schon seit einigen monathen hier ist, kennen gelernt, er ist ganz so ein schwäbi- scher reichsstädtischer radikaler, spricht sehr gut, viel verstand und die Weltansicht eines weitgereisten mannes, aber die manieren schroff und ek- kig und dabey viel von einem „kasperle“. ein anderer lion des tages sind die kunstreiter im rothen hause,2 m. lejars und cuzent vom cirque franconi in Paris und besonders mlle Pauline cuzent, welche charmant reitet. ich war neulich unter an- dern mit Arthur und resi Pallavicini draußen. die stunde aber ist sehr gênant, von 5 bis 7, denn wie hier Alles gunst und Privilegium ist, so 1 das odeon mit dem größten tanzsaal Wiens wurde am 8.1.1845 eröffnet. es brannte wäh- rend des Wiener oktoberaufstands 1848 ab und wurde nicht mehr aufgebaut. 2 die esterházysche reitschule im roten haus im Alsergrund.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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