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März 1845
militärautoritäten einstimmig dafür waren,1 und nun regnet es noch ser-
vile danksagungen und angeschafften enthusiasmus.
Pulszky ist ebenfalls hier, um die concession zu einer Zeitung für un-
garn zu erwirken, ob er sie erhält, steht dahin.
die schweizerwirren beschäftigen hier viele leute. fürst metternich
macht sein gewöhnliches schafsgesicht, nur etwas länger wie zuvor, und
unsere Jesuitenparthey, darunter Bombelles, sind wüthend, daß es den Je-
suiten nicht gelingen soll, sich in lucern einzunisten.2
Alexander königsegg, Witwer der armen schönen fidéle Palfy, hat sich
in Pesth erschossen und ist 6 tage darauf unter entsetzlichen leiden ge-
storben, er war schon seit dem tode seiner frau nicht mehr recht besonnen
gewesen. überhaupt scheint ungarn das vaterland exemplarischer ehe-
männer zu seyn. Steffi Karoly ist seit dem Tode seiner Frau so nervenkrank,
daß er ohne krücken nicht gehen kann, er hat seinem Bette gegenüber ein
Portrait seiner frau, welches er mittelst eines Zuges bis dicht vor sein Bett
treten läßt, und liegt dann so stunden lang in stummer contemplation.
[Wien] 25. märz
der Winter will heuer gar nicht aufhören. die charwoche war grimmig
kalt, vorgestern ostersonntag hat es am Abend geschneyt, und nun regnet
es fortwährend. doch ist die donau endlich vom eise frey, und gestern kam
das erste dampfschiff von linz. so wollen wir denn hoffen, für dieß Jahr
den Winter bald überstanden zu haben.
neues gibt es hier wenig, einige heirathen unter Bekannten: henriette
uechtritz und sigmund nostitz, die entsetzliche Julie kolowrat (die ein-
mahl bey canitz äußerte, sie tanze gerne mit fetten tänzern, weil sie sich
da während des tanzens an seinem Bauche reiben könne) und carl erdödy,
vincenz Auersperg und Wilhelmine colloredo etc. dabey obligate leiden-
schaft und plötzlich entstandene sentimentalität, welche immer à tout
propos aufgetischt wird. gott bewahre einen davor, solch ein jämmerliches
verbildetes geschöpf, das man eine Wiener comtesse nennt, zu heirathen!
Auch die hochzeit meiner lieben Jetti W[aldstein] wird nun bald stattha-
1 Mit einer Verordnung vom 14.2.1845 wurde die allgemeine Dienstpflicht (Kapitulation) in
der Armee für die deutsch-slawischen Provinzen und ungarn auf acht Jahre herabgesetzt,
sie betrug zuvor zehn Jahre, in ungarn lebenslang.
2 im herbst 1844 wurden die Jesuiten an die höheren lehranstalten des kantons luzern
berufen. ein darauf gestellter Antrag auf Ausweisung der Jesuiten aus der schweiz schei-
terte in der schweizerischen tagsatzung (Bundesparlament), zwei Aufstände im dezember
1844 und märz 1845 konnten von der klerikalen luzerner regierung niedergeschlagen
werden. diese vorgänge bildeten einen hauptgrund zur Bildung des sonderbundes von
acht katholischen kantonen im dezember 1845.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien