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Tagebücher508
ben. neipperg war neulich hier, um die letzten Arrangements zu machen.
ich glaube nicht, daß ich hingehen werde, da es doch nicht der mühe lohnt,
auf die paar tage den Weg allein zu machen, und tettenborn, welcher ge-
hen wollte, ist so leidend, daß es ihm schwerlich möglich seyn wird.
Ich besuche übrigens sein Haus sehr fleißig und sah neulich dort die üb-
riggebliebenen töchter vincenz Bathiany wieder.1 träume vergangener
Zeiten, aber noch schöne träume, und vor Allem solche, denen man mit
einer gewissen wehmüthigen ehrfurcht naht ohne eine spur des geheimen
spottes, der einen sonst bey alten Jungfern anwandelt, so mit Würde tra-
gen sie ihr geschick.
neulich brachte ich einen charwochenabend bey meiner alten und lieben
freundin hortense galvani mit sehr wenig menschen zu. darunter waren
henriette eltz, ebenfalls eine alte Prager erinnerung, und ihr mann, herr
süß,2 der mir ganz wohl gefiel.
Auch zur reviczky gehe ich zuweilen, obwohl ich nach und nach zur ein-
sicht gekommen bin, daß die frau sehr wenig verstand und nur eine ganz
besondere eigenliebe und eine verschrobene falsche sentimentalität hat.
Anfangs bestach mich ihr französischer caquet und einiges in florenz bey
dem beständigen umgange mit fremden erworbenes conversationstalent.
Auch ist sie so von der Welt verlassen, wie ich es kaum je gesehen habe,
außer fritz schwarzenberg und constant Palfy, welcher letztere doch wirk-
lich keine ressource ist, geht beynahe niemand zu ihr, nur hélène Würtem-
berg fand ich neulich dort, und diese ist wahrhaftig eine der lächerlichsten
Personnagen Wiens.
überhaupt halten sehr wenig frauen den Prüfstein einer näheren Be-
kanntschaft aus, so z.B. die frau v. ritter, von der man wirklich sagen
kann, daß sie eine Wiener celebrität sey, und die doch wahrhaftig nichts
weiter ist als eine freundliche lebhafte frau.
lichnowsky ist gestern vor 8 tagen nach Bregenz abgereist, um dort das
commando einer Brigade zu übernehmen, welche wegen der schweizerge-
schichten in vorarlberg zusammengezogen worden ist, es war spaßhaft zu
sehen, wie die Wichtigkeit dieser mission mit jedem tage ihm zwischen
den fingern einschmolz. Anfangs schien es, als sollte er die ganze eidge-
nossenschaft mit haut und haaren auffressen, und lato Wrbna nannte ihn
nur den geßler des 19. Jahrhunderts, nach und nach aber wurde er immer
kleiner und kleiner, und am ende hätte fürst metternich gerne die ganze
observationsarmee contremandirt. o schafskopf!
1 von den sechs töchtern des 1827 verstorbenen graf vincenz Batthyány waren zwei unver-
heiratet.
2 Gräfin Marie Henriette Eltz war mit Johann Nep. Sieß, nicht Süß, verheiratet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien