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März 1845
Am 15. August geht von hamburg ein schiff ab, das in circa 2 Jahren die
reise um die Welt macht und sich an den bedeutendsten Plätzen ziemlich
lange aufhält. die ganze reise kostet nur 1800 preußische thaler, und der
eigenthümer fordert gelehrte und reiselustige zur theilnahme an der ex-
pedition auf.1 man kann sich denken, wie mir dieß im kopfe herumgeht,
wäre ich nur um 10 Jahre jünger! oder wären die leute hier weniger spieß-
bürgerlich und sähen eine reise wie diese nicht für eine verlorene Zeit an!
der arme ferdinand hildprandt ist in venedig gestorben, es that mir
wirklich sehr leid um ihn.
vorgestern am ostersonntag führte mich Prinz Wasa mit sich in die
evangelische kirche, wo ein Pastor Porubski predigte. nie hat ein Prediger
einen solchen eindruck auf mich gemacht, was er sagte, war eben so schön
wie sein vortrag, er sagte, der wahre himmel, das wahre glück bestünden
im Arbeiten, im fortschritte, der stillstand sey tod. es war wirklich eine
superbe Predigt, wie sie ein katholischer Pfaffe nie halten wird. gott gebe
es, daß die kleinen Anfänge, die sich eben jetzt in den deutsch-katholischen
gemeinden zeigen, wachsen und gedeihen, bis in ganz deutschland der
katholicismus, dieses gebäude von trug, Aberglauben und knechtschaft
ausgerottet ist.
die hiesigen litteraten und schriftsteller haben, 99 an der Zahl, eine
Petition um milderung der censur verfaßt, welche Bauernfeld an graf ko-
lowrat überreicht hat. dieser gab die besten versicherungen, überhaupt
scheint dieser schritt der regirung nicht mißfallen zu haben, da selbst die
gouvernementalsten männer, z.B. Zedlitz, unterzeichnet haben.2
dagegen praepariren die niederösterreichischen stände eine große Peti-
tion wegen Wahrung ihrer ständischen rechte, die krainerischen stände ha-
ben ebenfalls eine deputation hergeschickt (darunter Anastasius grün), zu-
nächst wohl wegen des neuen grundsteuergesetzes, das sie Alle zu grunde
richten droht, in Böhmen und mähren werden die stände immer krittlicher,
in ungarn (Zempliner comitat) ist ein Bauernaufstand, von griechischen
geistlichen3 angeführt, etc. – – – und das wundert die hiesigen schafsköpfe.
heute erhielt ich durch die Post von unbekannter hand ein numero des
Pirata aus mailand, in welchem ein langer Artikel über die erfolge lucile
1 Am 22.5.1845 schreibt Andrian, dass dieses vom hamburger reeder robert miles sloman
betriebene Projekt mangels teilnehmer abgesagt wurde.
2 Andrian veröffentlichte diese „denkschrift über die gegenwärtigen Zustände der censur in
oesterreich“ im Anhang des 2. Bandes seines oesterreich und dessen Zukunft. vgl. auch
eintrag v. 30.4.1845.
3 gemeint sind geistliche der orthodoxen (griechischen) kirchen, in diesem fall im nordun-
garischen komitat Zemplén (heute größtenteils in der slowakei) ethnische ruthenen (uk-
rainer), die meist der griechisch-katholischen (unierten) kirche angehörten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien