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April 1845
Palfy wohnt und 14 tage da bleiben wird. Am 2. kömmt Jetti [neipperg]
mit ihrem manne von fulnek.
neulich führte ich castle zu marie lobkowitz, um ihr phrenologisches
examen zu machen. Alfred neipperg diente ihm als sekretär, und ich
assistirte. die Analyse ihres charakters, welche er später und zu hause
machte, halte ich für außerordentlich gelungen. Auch bey der reviczky
brachte ich einen der letzten Abende mit ihm zu. margarite ante porcos
[sic].1 die frau ist zu dumm, um etwas Anderes zu fassen als eine ekelhafte
sentimentalität.
überhaupt wundere ich mich selbst darüber, daß ich jetzt, ohne im ge-
ringsten von der apodictischen gewißheit der Phrenologie als Wissenschaft
durchdrungen zu seyn, dennoch mit ihr viel mehr in Berührung komme
und mich durch sie mehr angesprochen fühle, als je zuvor, es mag seyn, daß
fourier, den ich noch immer mit steigender Bewunderung lese, mich dafür
empfänglicher gemacht hat. Aber selbst jene empfänglichkeit für fourier
ist auf eine Weise über mich gekommen, welche mir jetzt noch unerklärlich
ist. Doch übt sie einen bedeutenden, beruhigenden und stärkenden Einfluß
auf mich und erhält mich in einem fortwährenden stillen enthusiasmus,
den ich als einen fingerzeig des schicksales betrachte.
Zum Besten der überschwemmten in Böhmen geschehen fortwährend
zahlreiche sammlungen, und vorgestern war ein maskirter Ball im odeon,
über 12.000 menschen, heiß und langweilig, meine einzige Aventure war
eine Gräfinn Adèle Zichy, die damit anfing, mich um meinen Nahmen zu
fragen, und mir dann den ihren sagte. mit dem Balle war eine lotterie ver-
bunden, und der magistrat hatte eine Aufforderung erlassen, man möchte
unentgeltlich 300 gewinnste einsenden. in Zeit von 8 tagen waren statt
300, 1300 mitunter sehr schöne gewinnste eingelaufen! übrigens hatten
wir in Wien selbst eine überschwemmung, und zwar vor 8 tagen in der
rossau durch einen Wolkenbruch, welcher kaum 1/2 stunde währte.
graf ugarte, gouverneur von mähren, den ich erst neulich hier sprach,
ist am 26. plötzlich gestorben. Auch graf czernin ist todt, und gestern war
die feyerliche installation des neuen oberstkämmerers moritz dietrich-
stein, zu welcher auch ich citirt wurde.
neulich hatte ich ein kleines diner bey marmont, aus lauter freunden
der carpani in mailand bestehend: Walmoden, haugwitz, Wratislaw, rous-
seau, moritz esterhazy und ich. es wurde auf ihre gesundheit getrunken.
ich bin jetzt sehr damit beschäftiget, mir eine neue Wohnung bis micheli
zu suchen, da ich jetzt (georgi) aus dem traun’schen hause, wo ich seit 15.
october wohne, ausziehen muß. ich hatte zwar Josikas Wohnung im casino
1 margaritas ante porcos – Perlen vor die säue.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien