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Juni 1845
auch noch so glänzend, finde ich einmahl meine Befriedigung nicht, was mich
mehr anlacht, als gouverneur zu werden, ist mir einen nahmen, eine persön-
liche einflußreiche Stellung zu machen, und mir dadurch einen Einfluß und
einen Platz bey den radicalen umänderungen zu sichern, welche doch binnen
wenigen Jahren erfolgen müssen. gehe ich wieder in die Provinz, so ist es mit
Allem aus. ich gedenke jetzt einen längeren Artikel über thiers’ geschichte
des consulates zu schreiben, und ihn hier irgendwo, vielleicht in die Wiener
Jahrbücher einrücken zu lassen.1 das soll zuerst die Aufmerksamkeit auf
mich lenken. in dieser richtung, so glaube ich, liegt mein Weg.
der könig und die königinn von sachsen kommen am 28., sie auf einige
Wochen, er nur auf 2 tage, da er eine botanische reise nach den karpathen
vor hat. der hof ist zum theile schon in schönbrunn, zum theile geht er
in diesen tagen dahin, flore am 28. heute war ich in Penzing bey Justine
erdödy, die ich seit 3 Jahren nicht sah. die arme frau ist elend, ich fürchte
ohne rettung, sie hat die rückenmarkschwindsucht, doch sieht sie besser
aus, als ich dachte. Auch tante fanny saintJulien ist auf einige tage hier.
[Wien] 8. Juni
es ist auf einmahl in Zeit von 2–3 tagen sommer geworden, und gestern
hatten wir 24 grad, ein frühjahr haben wir heuer gar nicht gehabt, der
ganze may war kalt, windig und regnerisch, so daß die vegetation erst seit
wenig tagen vollkommen entwickelt ist. ich habe nur 2mal im Prater früh-
stücken können. das eine mal, vor 8 tagen, trieb mich der Wind und die
kälte und gestern die entsetzliche hitze wieder fort. Auch der Prater war
mit wenigen Ausnahmen immer leer. Jetzt wird die stadt schon sehr leer.
ich habe in diesen tagen wieder wegen meiner Angelegenheiten mit
Pillersdorff, inzaghy etc. gesprochen. mein Avancement zum hofsekretair
wird sich bis zum herbste verziehen, dann aber wollen sie mich in einer ef-
fektiven delegaten- oder gubernialrathsstelle nach italien haben, wo eben
jetzt große revirements bevorstehen. torriceni, Paravicini, und Beccaria
sind pensionirt, diPauli in verona gestorben, Ansaldi und roner in ve-
nedig bereits im kabinette zur Pensionirung angetragen. thurn soll auch
nächstens springen (seine stelle wäre noch allenfalls die einzige, welche ich
nicht ungern nähme), und Beretta in como und Bozzi in Bergamo sind auch
schon überreif. Also soll ich da hinein, wozu ich aber keine große lust habe,
und mein trachten geht dernach hier zu bleiben, allenfalls im staatsrathe
etc., wo ich mir nach und nach eine stellung machen kann, wie ich sie wün-
sche, und von wo aus mir Alles offen steht. denn gouverneur zu werden
reizt mich wenig.
1 vgl. dazu eintrag v. 10.10.1845
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien