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Juni 1845
zu gehen brauche. übrigens fange ich schon an, das ding etwas satt zu be-
kommen, zu meinem eigenen verdrusse, denn ich würde viel drum geben,
wenn ich einmal so recht verliebt werden könnte, halte es aber nicht mehr
für möglich.
marie louise ist hier, so auch die königin von Bayern, um der ent-
bindung ihrer tochter beyzuwohnen.1 es sollen Bälle etc. in schönbrunn
seyn. das sey gott geklagt! Auch erzherzog rainer soll im August kom-
men. sonst sind von Bekannten gerade jetzt giovannino serbelloni, Appel
sammt nichte etc. hier. Auch robins, horrocks’schen Angedenkens, sah ich
neulich hier auf seiner durchreise nach serbien, er ist nähmlich englischer
kabinetscourier geworden.
meine freundin natalie Palfy ist nach dem rhein abgefahren und zwar
mit meinem alten florenzer guignon Baron metzburg! o shocking!
mit Welden, der sich ganz außerordentlich um Alle möglichen sehens-
würdigkeiten interessirt, war ich neulich im Josephinum, um da die be-
rühmten anatomischen Wachspräparate anzusehen, die mich herzlich an-
ekelten.
ich esse oft bey dommayer in hitzing, und nie allein, neulich aß ich mit
fritz schwarzenberg, der mir sein herz ausschüttete, und den ich da für
meine Zwecke zu bearbeiten suchte, indem ich ihm etwas mehr practischen
Ehrgeitz in politischer Richtung einzuflößen suchte und ihm sagte, er solle
eine politische Zeitung gründen. Als etiquette vis-à-vis der regirung wäre
sein nahme brauchbar. er aber ist halb mißvergnügter, halb loyal, voll ei-
telkeit und dabey von einem leidenschaftlichen, unbegreiflichen Hasse und
verachtung gegen Alles deutsche erfüllt. freylich ist er alle tage etwas
Anders. Wir beyde kommen nur in einem Punkte überein, und dieses ist
sein haß gegen die Bureaukratie. schade um den menschen, er hat viel es-
prit, und hier ist jede Art von geist so selten, daß er eine wahre trouvaille
ist. leo thun, der seit 1 1/2 monathen hier angestellt ist, hat meinen er-
wartungen nicht entsprochen, sein Äußeres ist unangenehm und linkisch,
und seinen geist halte ich für ganz gewöhnlicher gattung, übrigens viel
Bildung und ein ruhiger ernst.
in der letzten nummer der „grenzboten“ steht unter der Aufschrift: des
Pudels kern, ein correspondenzartikel aus Prag, worin es ungefähr heißt:
Jetzt fangen die folgen des famosen Buches: „oesterreich und seine Zu-
kunft“ an, klar zu werden. die ganze deutsche Presse hat sich durch den
liberalen Anstrich dieser schrift ködern lassen, und es ist eigentlich der
wahre Anfang einer Aristokratenreaction, zu welcher sie Plan und rath-
1 maria theresia, das erste kind von erzherzog Albrecht und hildegard, tochter von könig
ludwig i. und königin therese v. Bayern, kam am 15.7.1845 zur Welt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien