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53710.
Oktober 1845
neulich sprach ich felix schwarzenberg, der auf der durchreise hier war.
ich war schon bald 14 tage nicht in Baden, ein unerhörtes ereigniß, auch
treibt es mich schon wieder hin, um mich ein wenig zu retrempiren.
es hat in diesen tagen eine menge todesfälle gegeben: so heute tatit-
cheff, sonst Bothschafter hier, in franzensberen [sic] fml droste, Bruder
des erzbischofs von köln und obersthofmeister des jungen erzherzog ferdi-
nand von modena, und was mir wirklich leid thut, meine freundin virginie
orloff in florenz.
natalie Palfy ist wieder hier und soll einen krebs an dem schönen Busen
haben. fritz chorinsky, der arme teufel, ist auch in einer Art von Auflösung
begriffen, und diese canaille von seiner frau scheint die größte freude dar-
über zu haben.
[unter sankt veit bei Wien] 10. oktober
ich habe in diesen letzten Wochen ein ziemlich langes opus geschrieben,
nämlich einen Artikel über die geschichte des consulates von thiers. die-
ses miserable hundsföttische machwerk hatte schon seit lange meinen Zorn
gereizt, und nebstdem sprachen mir e. Bethlen und Andere zu, dagegen zu
schreiben, und so that ich es, nachdem nun die 4 ersten Bände heraus sind.
ich glaube, etwas ganz gutes geschrieben zu haben. Bethlen, der neulich
eigens herauskam, und dem ich es vorlas, fand es sogar vortrefflich. meine
Absicht wäre, es hier unter hiesiger censur (wenn sie mir nämlich nicht gar
zu viel streichen) erscheinen zu lassen, zugleich aber, um ihm eine größere
verbreitung zu sichern, es in der Allgemeinen Zeitung mitzutheilen.1 Aber
ich bin darüber noch nicht recht einig. Welsch läßt es jetzt abschreiben, und
dann werden wir das Weitere überlegen. der Artikel ist gut geschrieben,
im ultragermanischen und mitunter stark antifranzösischen sinne, ziem-
lich heftig und hochmüthig gegen thiers, ich wüßte also nicht, was es hier
Anstößiges haben sollte, als hie und da ein bischen geschimpfe gegen die
Bureaukratie und ein Anstrich von fourieristischer Weltanschauung, der
das ganze trägt, welche sie aber hier gar nicht verstehen werden. kurz, die
schrift ist ich selbst, wie es „oesterreich etc.“ im Jahre 1841 gewesen ist.
Wir haben bis nun den schönsten herbst von der Welt, leider habe ich
diese tage in der stadt so viel zu thun gehabt, daß ich wenig davon genießen
konnte. mittwoche den 15. hoffe ich auf 12–14 tage zu eduard A[ndrian]
nach neuhaus gehen zu können, und mittlerweilen wird auch meine stadt-
wohnung in ordnung seyn. Am 30. vorigen monats war ich für dieses Jahr
zum letzten mahle in Baden, welches nun ganz verlassen ist.
1 die Arbeit erschien als anonyme, selbständige Broschüre: herr m. A. thiers und seine
geschichte des consulats und kaiserreichs (leipzig 1846).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien