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November 1845
Am selben tage da wir von s. martin kamen, fuhren wir drey nach tische
nach Passau und gingen dort angekommen, sogleich ferdinand in seiner
Pension aufsuchen. Während sich nun die mutter mit ihm entfernte, hatte
ich einen langen und interessanten discurs mit seinem Professor, gaugen-
giggl, einem großen linguisten, der trotz seiner Jugend schon 30 lebende
sprachen spricht. Wir kamen auf die ur- und vielleicht dereinstige univer-
salsprache zu reden, von der auf die einstige Bestimmung des erdballs, und
es überraschte mich sehr angenehm zu hören, wie dieser mann auf so ganz
anderen Wegen unbewußt zu resultaten gekommen war, welche vieles von
fourier’s lehren über kosmogonie etc. an sich hatten. Auf dieses wies ich
ihn hin. gutta cavat lapidem etc.
den letzten Abend brachten wir noch zusammen thee trinkend zu, und
Joner war auch da. tags darauf, den 29. früh 7 uhr, fuhr ich, nachdem ich
von eduard und lenchen einen herzlichen Abschied genommen hatte, per
dampfboot nach linz, eine herrliche fahrt, die ich der von linz abwärts
noch vorziehe. in linz um 1/2 12 angekommen, besuchte ich skrbensky, der
mir nach seiner gewohnheit endlose Phrasen machte, und ging nicht zu sei-
ner frau, weil er mich versichert hatte, sie wäre unwohl, sie aber schickte
nach mir in den gasthof, und so verplauderte ich bey ihr meinen nachmit-
tag, was mir ganz recht war, da ich sonst niemand in linz kannte. Abends
saß ich bey skrbensky im theater, wo man ein grundschlechtes stück gab.
tags darauf um 7 uhr fuhr ich wieder per dampfboot nach Wien mit ei-
ner ganzen menge menschen, worunter ich aber nur Blacas kannte, welcher
eben mit seiner jungen frau von Paris kam.
hier erwartete mich die höchst unangenehme überraschung, meine
Wohnung noch durchaus unvollendet zu finden, und seitdem wohne ich
unter lauter maurern, tischlern und Anstreichern, bekomme meine meu-
bles nur stück für stück etc. mir ist diese verwirrung und dieser mangel
an comfort unausstehlich, und ich fürchte, daß er noch 10–12 tage dauert,
nebstdem habe ich, nun da meine effekten endlich von mailand angekom-
men sind, die angenehme entdeckung gemacht, daß mir eine menge dinge
abgehen, darunter meine sämmtliche Bett- und hauswäsche, viel Porce-
laine etc.
neues gibt es wenig. haller ist von seiner stelle als Banus entlassen und
zwar ohne viel ceremonien. die regierung hat ihn compromittirt und läßt
ihn nun fallen und wird illyrisch, und die opposition sagt: wieder um so viel
feinde mehr für die regierung in ungarn. Julie samoyloff hat die unbegreif-
liche dummheit begangen, einen französischen sänger zu heirathen!!!, wel-
cher gegen sie die rolle Josephs von Aegypten gespielt hat, mir ist um sie
leid, denn ich war und bin ihr aufrichtig attachirt, aber als femme libre kann
ich sie freylich nicht mehr wie bisher ansehen und achten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien